Artikel drucken
05.10.2017

Kommentar: Auch Hengeler muss sich dem verschärften Kampf um Partner stellen

Erst Achim Herfs, dann Steffen Oppenländer – was ist da los auf der Insel der Seligen? Über Jahre hinweg war Hengeler Mueller zu recht stolz darauf, keine Abtrünnigen zu haben. Viel Wert legte Deutschlands profitabelste unabhängige Großkanzlei auf den Zusammenhalt ihrer Partnerschaft. Wer Hengeler verließ, hatte meist die besten Jahre hinter sich und noch einmal Lust auf was Neues. So wie Klaus-Dieter Stephan, der sich im Sommer 2015 selbstständig machte. Oder Birgit Spießhofer, die vor sieben Jahren als of Counsel zu Dentons ging. Nur einmal musste ein gestandener Partner gehen. Aber auch das ist Jahre her.

Bei den Fahnenflüchtigen der vergangenen 24 Monate liegt der Fall anders. Herfs wechselte im April 2016 samt Associate zur US-Kanzlei Kirkland & Ellis und auch der 44-jährige Oppenländer wählt mit US-Konkurrentin Milbank Tweed Hadley & McCloy eine Adresse, die mit schlankem Team in Deutschland auftritt und zu den profitabelsten Einheiten im Markt gehören dürfte. Das Vergütungssystem belohnt Outperformer. Für M&A- und Private-Equity-Männer wie Herfs und Oppenländer ist das im heiß laufenden Transaktionsmarkt natürlich hochattraktiv.

Bei Hengeler hingegen gibt es keine Extrawürste. Zur Einheitlichkeit der Partnerschaft gehört Gleichheit vor der Gewinnausschüttung. Hengeler kratzt den Lockstep nicht an – anders als etwa die britischen Kanzleien. Die schützen sich mit Superpoints und Bonustöpfen gegen die Verlockung der US-Konkurrenz mit den tiefen Taschen, die ihre Partnerschaften sonst ausbluten würde. Nun zittert Hengeler sicher nicht vor dem baldigen Aderlass. Doch der Nimbus der Unverletzlichkeit ist nach dem zweiten Wechsler endgültig dahin. Und die Kanzlei steckt in der Klemme: Was ist wichtiger? Die außergewöhnliche Partner-Kultur, die sie von anderen anhebt, oder eine flexible Vergütung, mit der man dem Markt begegnen kann? (Ulrike Barth)