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20.11.2017

Stuttgarter Kanzleimarkt: Die Festung bröckelt

Langsam, aber mit Nachdruck kommt Bewegung in den Stuttgarter Kanzleimarkt. Die baden-württembergische Landeshauptstadt galt lange als Festung, zu der Wettbewerber von außen nur schwer Zugang fanden. Die lokalen Kanzleien fühlten sich sicher. Doch das ändert sich, seit allein in 2017 zwei internationale Großkanzleien in Stuttgart eröffnet haben.

Zuerst wagte Gowling WLG im März den Schritt, im September folgte Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan. Mit ihnen kamen erstmals internationale Kanzleien in die Stadt. Während Gowling WLG mit dem ehemaligen Menold Bezler-Partner Dr. Andreas Wölfle eröffnete und damit auf Gesellschafts- und Handelsrecht fokussiert ist, steht Quinn Emanuel für Prozessführung. Sie geht mit einem erfahrenen Hamburger Kartellrechtler von Latham & Watkins und einem Patentrechtler aus dem kanzleieigenen Mannheimer Büro an den Start.

Als Vorbild kann Heuking Kühn Lüer Wojtek dienen: Ihr gelang es 2015, ein schwäbisches Team von GSK Stockmann abzuwerben. Inzwischen ist die große deutsche Mittelstandsberaterin zu einem festen Bestandteil des Stuttgarter Marktes geworden, der sonst vor allem von Kanzleien mit lokaler Tradition geprägt ist. Auch die Rechtsberatungsarme der Big-Four-Gesellschaften, wie PricewaterhouseCoopers Legal und EY Law, gewinnen hier immer mehr Präsenz.

Nachwuchssorgen bremsen den Kanzleizuzug

Begehrt ist Stuttgart bei den Kanzleien nicht ohne Grund: In kaum einer anderen Region ist die konjunkturelle Hochphase so deutlich zu spüren wie hier, wo zahlreiche gehobene Mittelständler und weltweit agierende Konzerne zu Hause sind. Davon profitieren auch die Kanzleien: Kräftige Mandatszuwächse gehen mit beachtlichen Umsatzsteigerungen einher.

Doch die stetigen Geschäftszuwächse haben auch eine Kehrseite, schließlich verschärfen sie die Nachwuchssorgen, die bei den Stuttgarter Kanzleien traditionell besonders groß sind. Wer keine persönliche Verbindung zu ihr hat, sucht sich die Stadt nur selten als Startpunkt für seine Karriere aus. Die personellen Schwierigkeiten – gepaart mit der bisher eher schwach ausgeprägten Wechselbereitschaft Stuttgarter Partner – dürften auch der Grund dafür sein, dass die guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bislang noch nicht zu einer Welle von Kanzleineueröffnungen vor Ort geführt haben. Diese sind an anderen starken Wirtschaftsstandorten wie München und Hamburg durchaus zu beobachten.

Hamburg zieht an

Hamburg ist ohnehin bekannt für seine zahlreichen Spin-offs. 2017 eröffneten an der Elbe wieder einige spezialisierte Einheiten, die aus größeren Kanzleien stammen. So gingen etwa ehemalige Latham & Watkins-Anwälte mit der Litigation-Boutique Manner Spangenberg an den Start. Zudem wurden die IP/Medien-Einheit Scherenberg und die Kanzlei Riverside gegründet, die sich auf das Gesellschafts- und Immobilienrecht fokussiert.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum sich der Kanzleimarkt der Hansestadt vergrößerte: Es kamen Kanzleien von außen. Neu vertreten sind etwa Noerr, CBH Rechtsanwälte und Lupp + Partner. Zudem kündigte auch Beiten Burkhardt eine Büroeröffnung in Hamburg an. (Christine Albert, Sonja Behrens, Christin Stender)

Mehr zu den Entwicklungen auf den Kanzleimärkten in Stuttgart und Hamburg lesen Sie im aktuellen JUVE Handbuch 2017/2018, online unter: https://www.juve.de/handbuch.