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11.01.2018

BeAGate und BeAWahn: Wie Großkanzleien auf die beA-Misere reagieren

„beAGate“ und „beAWahn“ – die Internet-Community hat schnell Namen gefunden für das Drama um das elektronische Anwaltspostfach. Das ist seit Weihnachten offline, weil die Software nicht sicher genug ist, um Anwaltspost darüber zu verschicken. Die Stimmung schwankt zwischen Empörung und Galgenhumor – je nachdem wie groß die Kanzlei ist, bei der ein Anwalt arbeitet.

Denn während in vielen kleineren Einheiten Zeit und Geld der Partner verloren gehen, weil sie sich vom externen IT-Dienstleister die Lage erklären lassen müssen, verfolgen viele Anwälte in Großkanzleien das Treiben eher belustigt – sie haben IT-Abteilungen, die sich um den ganzen Schlamassel kümmern.

Keine der größeren Kanzleien, mit denen JUVE gesprochen hat, berichtet von Problemen nach Bekanntwerden des Sicherheitslecks. Trotzdem schütteln auch dort die Verantwortlichen den Kopf über das dilettantische Vorgehen der Brak beim Versenden des unsicheren Signaturschlüssels. So etwas gehört zum Einmaleins der IT, sagte der IT-Leiter einer großen Kanzlei im JUVE-Gespräch.

Für Großkanzleien ungeeignet 

Stärker als das Sicherheitsproblem beschäftigt die Großkanzleien nach wie vor die Funktionsweise des Postfachs. Sie sei schlicht ungeeignet für den Alltag in großen Einheiten. Da hätte es trotz der gesetzlichen Vorgaben genügend Spielraum gegeben, die Architektur des beA anders zu entwickeln, sagt der IT-Leiter.

Das gesamte System sei einfach nicht zu Ende gedacht, berichten viele Kanzleien. Beispielsweise könnte sich bei Kanzleien mit Notariat das Digitalnetz der Bundesnotarkammer mit dem beA technisch ins Gehege kommen. Ein Thema, für das die Brak keinerlei Problembewusstsein entwickelt habe – trotz mehrfacher Hinweise sei man immer mit Standardantworten abgespeist worden, heißt es aus einer deutschen Großkanzlei.

Nach JUVE-Informationen hatten sich schon in der Entwicklungsphase mehrere Großkanzleien bei der Brak gemeldet und einen Austausch angeboten. Eine nennenswerte Reaktion habe es aber nicht gegeben. Angesichts der ohnehin unzureichenden Funktionen des Postfachs sind einige Anwälte sogar froh, dass sich wegen der Sicherheitslücke die beA-Nutzungspflicht nun noch einmal verschiebt. Vielleicht stecke darin die Chance, die gesamte beA-Konstruktion zu überdenken und für die Arbeitsabläufe in Großkanzleien tauglich zu machen.

Schritt für Schritt

Die Brak hat nach einer Sondersitzung der Präsidentenkonferenz verkündet, dass das Postfach schnell wieder in Betrieb gehen soll. Es zähle aber Sicherheit vor Schnelligkeit. Dass Brak-Präsident Ekkehart Schäfer gleichzeitig feststellte, „die Datensicherheit im beA-System war und ist jederzeit gegeben“, hat wiederum für Häme und Spott vor allem der im Internet aktiven IT-Gemeinde gesorgt.

Die mit der Entwicklung betraute und zuletzt massiv unter Beschuss geratene IT-Firma Atos muss nachbessern. Wie die NJW erfuhr, hat die Brak derzeit alle Zahlungen an Atos eingestellt. Ein runder Tisch aus internen und externen IT-Spezialisten soll nun bei einem „beAthon“ Lösungsmöglichkeiten diskutieren. Außerdem soll ein vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) empfohlener Experte ein öffentlich zugängliches Gutachten über das beA erstellen.

Der IT-Leiter der Großkanzlei ist überzeugt, das „wird noch Wochen dauern“, bis das Postfach wieder läuft. „Und dann werden wir uns erstmal Schritt für Schritt ran tasten.“ (Christiane Schiffer)