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25.06.2018

Strafprozesse in den Medien: „Die meisten lesen genau, was über ihre Fälle berichtet wird“

Wie groß ist der Einfluss von Medien auf Strafprozesse? Diese Frage haben sich der Kommunikationsprofi Martin Wohlrabe und der emeritierten Mainzer Professor Mathias ­Keplinger gestellt. Für ihre Studie befragten sie bundesweit 580 Richter und Staatsanwälte. Wohlrabe ist Geschäftsführer der PR-Agentur ­Consilium, die auf Rechtsthemen spezialisiert ist. 

Martin Wohlrabe

Martin Wohlrabe

JUVE: Ihre Studie heißt „Richter sind auch nur Menschen“ – warum braucht man für eine solche Selbstverständlichkeit eine Studie? 

Martin Wohlrabe: Richter und Staatsanwälte versuchen selbstverständlich, als Amtsträger ihren Verpflichtungen professionell nachzukommen. Aber es ist nur ehrlich, wenn sie dabei ihre eigene Menschlichkeit im Auge behalten. Und Menschen reagieren nun einmal auch emotional. Wir haben tatsächlich länger diskutiert, ob wir diesen Titel für die Zusammenfassung unserer Ergebnisse wählen sollten. Wir finden, die Formulierung ist ein guter Mittelweg: Sie ist angemessen ­locker, um Aufmerksamkeit zu erzeugen – aber auch nicht so locker, dass Zweifel an der Wissenschaftlichkeit unserer Herangehensweise aufkommen. Und damit sind wir schon mitten im Thema: Medien können informieren und so zur Lösung von Problemen beitragen – aber eben auch provozieren und aufheizen. So oder so: Sie haben Einfluss, und deshalb ist es wichtig, ihre Wirkung möglichst genau zu untersuchen.

Und dieser Einfluss ist auch vor Gericht zu ­spüren?

Allerdings. 48 Prozent der Befragten halten den Einfluss auf Angeklagte für stark, 39 Prozent den auf Zeugen. Dabei gilt: Vor allem negativer Einfluss wird bemerkt. Ein Drittel der Befragten nimmt wahr, dass Onlinekommentare stark wirken, wenn sie besonders aggressiv oder hass­erfüllt sind. 27 Prozent geben an, dass Zeugen von Medienberichten eingeschüchtert wurden. Dazu passt unser Ergebnis, dass Boulevardzeitungen tatsächlich stärkeren Einfluss haben als Qualitätszeitungen oder Nachrichtenmagazine.

Um dazu ein extremes Beispiel zu zitieren – hat sich vier Jahrzehnte nach Bölls Kritik „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nicht viel gebessert?

Sicher haben sich die Zeiten seit dem Deutschen Herbst geändert. Zum einen ist seitdem das ­Bewusstsein gewachsen, dass Medien die Realität nicht nur abbilden, sondern teils mit erschaffen – allein diese Erkenntnis ist ein Fortschritt. Zum anderen bemerken wir an einigen Stellen ­eine Professionalisierung in der Kommunikation. Viele Richter und Staatsanwälte bitten heutzu­tage die Pressestellen um eine aktive Informationspolitik. Manche pflegen sogar systematisch selbst Kontakte zu Journalisten. Und die Medienlandschaft insgesamt hat sich weiterentwickelt, vor allem natürlich im Internet. Bereits vor zehn Jahren gab es von der Uni Mainz eine ähnliche Studie, da spielte das noch keine bedeutende Rolle.

Das ist die Studie, auf die sich etwa Thomas Middelhoff bezieht, wenn er meint, es gebe einen Prominentenmalus im Strafrecht? Er beklagt, dass Richter sich bei der Höhe des Strafmaßes durch Medienberichterstattung beeinflussen lassen.

Diese alte Studie wurde oft zitiert, das ist einer der Gründe, warum wir eine aktuelle Erhebung mit neuen Daten und Erkenntnissen für sinnvoll hielten. Allerdings besagen unsere Ergebnisse, dass das Urteil weitgehend Richtersache bleibt, jedenfalls in deren eigener Wahrnehmung: Im Mittel gibt nur einer von 50 Staatsanwälten und Richtern an, dass die Medien in ‚seinen‘ Verfahren einen Einfluss auf die Schuldfrage hattten. ­Einer von 25 beobachtet das beim Strafmaß. Fast selbstverständlich ist, dass über Strafprozesse mit prominenten Angeklagten intensiver berichtet wird.

Wenn viele Juristen den großen Einfluss der Medien kritisieren: Worum geht es ihnen dann genau?

Kritische Medienberichte werden nicht pauschal als schlecht empfunden. Nur etwas mehr als die Hälfte der Richter beschwert sich über falsche oder irreführende Kritik.

Was stört die andere Hälfte?

Die Befragten beklagen sich, dass ihnen zu Unrecht Fehler und Versäumnisse vorgeworfen werden. Auch stört es sie, wenn Umstände, auf die das Gericht oder die Staatsanwaltschaft keinen Einfluss hatten, falsch dargestellt oder heruntergespielt werden. Wenn ein Journalist dagegen echte Fehler im Verfahren lediglich dramaturgisch aufbauscht, zeigen die meisten Befragten dafür Verständnis.

Die Medien müssen sich also im Sinne der Gerechtigkeit nicht grundsätzlich heraushalten? Immerhin können sie ja auch zu Aussagen ermutigen, erhellende Interviews externer Experten beisteuern, vernachlässigte Aspekte ins Bewusstsein rücken oder die Stimmung beschwichtigen.

Auf jeden Fall! Schließlich ist für das Gericht auch wichtig zu erfahren, was die Öffentlichkeit denkt. Ein vielfältiges Bild in den Medien kann dafür ­eine wichtige Quelle sein. Deshalb verfolgen fast alle Richter und Staatsanwälte ja auch die ­Berichterstattung über eigene Fälle, knapp die Hälfte sogar gezielt. Die Medien sind also­
insofern tatsächlich ein wichtiger Spiegel der
Öffentlichkeit.

Das Gespräch führte Ludger Steckelbach. 

 

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