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24.06.2019

Projektjuristen: Gekommen, um zu gehen

Immer mehr Anbieter von Projektjuristen drängen nach Deutschland. Trotzdem sind die meisten Rechtschefs weiterhin skeptisch, was die ‚Kollegen auf Zeit‘ angeht. Manche Kanzleien sind hier schon einen Schritt weiter: Sie haben ihre Teamstrukturen analysiert und Stellen gefunden, an denen sich Projektjuristen optimal einsetzen lassen.

Das Modell der Zeitarbeit haben die Juristen einst selbst erfunden: Es ist das Jahr 1948, als in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin zwei Anwälte versuchen, Ersatz für ihre erkrankte Sekretärin zu finden. Vergeblich. In der Not kommt ihnen eine Idee: Wenn Unternehmen sich Mitarbeiter für eine bestimmte Zeit ausleihen könnten, könnten sie Personalengpässe schnell und bequem überbrücken. Gesagt, getan: Kurz darauf gründen Elmar Winter und Aaren Scheinfeld die erste Zeitarbeitsfirma der Welt: Manpower. Heute zählt die Gruppe zu den drei größten Personaldienstleistern weltweit.

Doch die Rechtschefs von heute sträuben sich gegen den Einsatz der Kollegen auf Zeit: Manche zweifeln an der Qualität der Leihjuristen, andere schrecken vor der vermeintlich langen Einarbeitung der Kollegen zurück. „Bisher konnten wir alle Engpässe mit Secondments überbrücken und haben dafür auch immer gute Konditionen von den Kanzleien bekommen“, berichtet ein Inhouse-Jurist, der noch nie Projektjuristen eingesetzt hat. Er zweifelt vor allem an der Branchenerfahrung der Projektjuristen. Ralf Brenner, Leiter der Rechtsabteilung der Société Générale Securities Services, hat ganz ähnliche Sorgen: „Projektjuristen helfen uns, wie auch Secondees, nur weiter, wenn sie hohes Know-how in unserem Segment mitbringen. Der Kandidatenpool derer, die infrage kommen, ist schmal.“

Immer mehr Angebot – Zweiflern zum Trotz

Den Zweiflern zum Trotz drängen immer mehr Anbieter von Projektjuristen auf den deutschen Markt. So eröffnete Anfang 2018 die britische Lawyers on Demand (LOD) ihr erstes Büro in Deutschland. Auch die Amerikaner suchen den Weg in den deutschen Markt: 2017 kam mit Axiom einer der größten Anbieter des US-Markts für juristische Dienstleistungen hierher. Ein großer Teil der weltweiten Mitarbeiter von Axiom sind allerdings gar keine Juristen: Axiom bietet etwa auch IT-Entwickler oder Fachleute für Prozessoptimierung an.

Mit am längsten auf dem deutschen Markt ist Perconex. Als das Unternehmen 2005 in Deutschland startete, zählte es hierzulande zu den ersten Personaldienstleistern für Juristen. Seitdem hat sich viel getan: „Mittlerweile ist der Einsatz von Projektjuristen in Deutschland gesellschaftsfähig geworden“, sagt Perconex-Geschäftsführer Dr. Olaf Schmitt. „Vor allem der Mut, diese Alternative zumindest auszuprobieren, ist größer geworden.“

Massenverfahren brauchen massig Associates

Die Vorteile des Einsatzes von Projektjuristen haben inzwischen einige Kanzleien erkannt, wie die jüngsten JUVE-Umfragen zeigen. Denn auch die Sozietäten haben mit dem Personalmangel sowohl bei erfahrenen Anwälten als auch bei Berufseinsteigern zu kämpfen. Große Massenverfahren wie die zahlreichen Klagen im Rahmen des Dieselskandals und immer komplexer werdende Mandate befeuern die Frage ihrer Personalstruktur einmal mehr.

Ein Beispiel ist Luther: Die Kanzlei stellte im vergangenen Jahr mehr als 134 Juristen auf Zeit an. Zum Vergleich: Sie beschäftigt daneben rund 160 Associates. Mit den Projektjuristen deckt Luther nicht nur den enormen Personalbedarf ab, den ihr das zumeist standardisierte Abarbeiten von Dieselklagen eingebracht hat. Vielmehr sieht sie durch den Einsatz von Projektjuristen auch eine zusätzliche Möglichkeit, Associates zu rekrutieren.

Bei Freshfields sieht man das anders. Zwar stockt die Kanzlei ihren Personalapparat auch mit Projektjuristen auf – im Schnitt sind zwischen 10 und 40 bei ihr tätig. Allerdings schließt die Kanzlei von vorneherein aus, dass die Projektjuristen die Laufbahn von Associates einschlagen können.

Und dennoch: „Die Mandate haben sich in ihrer Komplexität verändert, der Anteil an prozessorientierter Arbeit und Organisationsaufgaben ist enorm gewachsen“, sagt Arbeitsrechtspartner Prof. Dr. Klaus-Stefan Hohenstatt, der intern das Thema Projektjuristen in der Kanzlei betreut. „Das bietet Möglichkeiten, um anderes Personal einzusetzen.“

Die Befürchtung, die Mandanten könnte es stören oder gar abschrecken, wenn Kanzleien sich von Projektjuristen unterstützen lassen, dürfte in den meisten Fällen unbegründet sein – solange sie Aufgaben erledigen, die auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten sind. (Anika Verfürth)

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