Artikel drucken
20.04.2020

Rechtsmarkt der Zukunft: Was können Großkanzleien von den Big Four lernen, Herr Schuppert?

Wer arbeitet in der Kanzlei der Zukunft? Wie verändern sich Kanzleistrukturen, und wie werden Berater künftig mit Mandanten zusammenarbeiten? Wir haben mit deutschen Kanzleimanagern diese Frage diskutiert. Lesen Sie in Folge 4: Dr. Stefan Schuppert, Managing-Partner Deutschland von Hogan Lovells.

Stefan Schuppert

Stefan Schuppert

Werden in zehn Jahren Nicht-Anwälte Partner sein?
Bisher gibt es bei Hogan Lovells keine Partner, die nicht Juristen sind. Künftig halte ich das aber nicht für ausgeschlossen. Wo es regulatorisch zulässig ist, sind wir flexibel. Es wird jedenfalls nicht daran scheitern, dass nicht alle Berufsgruppen ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Kanzlei in Billables ausdrücken können. Unser System erfasst, anders als reine Eat-what-you-kill-Modelle, bereits heute auch finanzielle Beiträge jenseits abrechenbarer Stunden – die Vergütung der Partner wird auf Basis diverser Faktoren zentral bestimmt.

Werden Großkanzleien immer mehr wie die Big Four?
Nicht unbedingt. Wir haben vor Jahren angefangen, uns stärker in den multidisziplinären Bereich zu entwickeln. Wir haben Know-how-Spezialisten, inzwischen gibt es auch Profis für Legal-Project-Management-Tools und Legal Tech. Nun kommen auch Datenanalysten hinzu, das ist ein besonders zukunftsorientiertes und spannendes Feld. Es gibt immer mehr Anwendungsfälle, bei denen verbesserte Analysemethoden aus umfangreichen Datenmengen schnell relevante Infos herausfiltern.

Allerdings wird bei uns immer die erstklassige rechtliche Beratung im Kern stehen – wir sind Unternehmensberater aus der rechtlichen Sicht. Das ist schon eine Ausrichtung, die uns weiterhin von Strategieberatungen und Prüfungsgesellschaften unterscheiden wird.

Wie werden in der Kanzlei der Zukunft die Nachwuchsjuristen ausgebildet?
Wenn Technik und anders qualifizierte Berufsgruppen zunehmend Standardaufgaben übernehmen, mit denen früher noch viele Top-Juristen befasst waren, etwa Due Diligences, dann bedeutet das auch: Kanzleien brauchen künftig vielleicht nicht mehr so viele Associates pro Partner wie heute. Und es gibt ja ohnehin nicht mehr so viele Topabsolventen, wenn man sich die Anzahl derjenigen anschaut, die das zweite Staatsexamen noch ablegen. Wir sind deshalb zu einer wesentlich strukturierteren Ausbildung gekommen, die neben dem Training on the Job eine immer bedeutendere Rolle spielt. Natürlich wird sich die Ausbildung auch inhaltlich weiterentwickeln. Wir prüfen zum Beispiel, ob wir Coding-Kurse anbieten sollten. Nicht unbedingt, weil unsere Anwälte selber coden sollen, aber damit sie verstehen, wie ein Programmierer denkt – denn dass Anwälte künftig mit anderen Berufsgruppen wie Programmierern enger zusammenarbeiten werden, ist sicher. Es gibt dazu schon Pilotprojekte, mit denen wir testen, ob es sinnvoll ist, das zu unserem strukturierten Ausbildungsprogramm dazu zu nehmen.

Generell wird es Mentoring wohl bald nicht mehr nur von oben nach unten geben, also ein berufserfahrener Anwalt als Mentor für Nachwuchsjuristen, sondern es kann bei Themen wie Legal Tech auch umgekehrt sein. Neben diesem Reverse Mentoring werden wir immer häufiger etwas sehen, das man als Transversal Mentoring bezeichnen könnte: Dabei können Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen gegenseitig Mentor für ihr Spezialgebiet sein, ohne dass es Alters- oder Hierarchieunterschiede gibt.

Was ist die größte Herausforderung im aktuellen Transformationsprozess?
Alle sprechen über die Digitalisierung, aber eine große Herausforderung ist immer noch das Recruiting. Wie können wir Talente früh finden, an uns binden und Loyalität schaffen? Hinzu kommt, dass Diversität an Bedeutung zunimmt, und zwar auch im Sinne von: mehr Diversität von Kenntnissen und Disziplinen unter dem Dach einer Kanzlei, die es zu organisieren gilt. Dafür müssen wir neue Rollen definieren und Karriereoptionen schaffen, dieser Prozess ist bereits im Gange. Bei uns gibt es etwa seit Kurzem einen Director of Investigations, das entspricht einer Counsel-Position. Marcus Busch, der diese Position übernommen hat, ist an der Schnittstelle von Investigations und dem Projektmanagement komplexer internationaler Fälle tätig.

Hat der Kanzleianwalt der Zukunft mehr oder weniger Freiheit bei der Berufsausübung?
Es wäre falsch, zunehmende Effizienzanforderungen nur als Einschränkung zu sehen. Ja, unsere Arbeit wird noch strukturierter als sie es jetzt schon ist. Gleichzeitig tun sich völlig neue Beratungsfelder auf, wo wir Anwälte enger mit anderen Berufsgruppen zusammenarbeiten werden. Auch streng reglementierte Projektplanung kann man zwar als Einschränkung der Freiheit sehen, andererseits gewinnt man dadurch auch mehr Freiheit: Es ist doch gut zu wissen, dass sich ein Teammitglied um Bereich XY kümmert – und man selbst sich mehr auf die juristische Kernarbeit konzentrieren kann.

Aufgezeichnet von Marc Chmielewski. 

Weitere Beiträge zum Rechtsmarkt der Zukunft finden Sie in der aktuellen Ausgabe 4/2020 des JUVE Rechtsmarkt, die wegen der Corona-Ausnahmesituation auch kostenlos online erhältlich ist.

  • Teilen