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09.04.2020

Rechtsmarkt der Zukunft: Wie werden Kanzleien diverser, Herr Steck?

Wer arbeitet in der Kanzlei der Zukunft? Wie verändern sich Kanzleistrukturen, und wie werden Berater künftig mit Mandanten zusammenarbeiten? Wir haben mit deutschen Managing Partnern diese Frage diskutiert. Lesen Sie in Folge 1: Andreas Steck, Senior-Partner Deutschland von Linklaters.

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Andreas Steck

Gender Diversity in Kanzleien wird für immer mehr Konzerne zu einem wichtigen Kriterium bei der Mandatsvergabe. Zurecht?
Wenn Unternehmen mehr Diversität einfordern, wird dies auch zwangsläufig die Diversity-Bemühungen auf Kanzleiseite befeuern. Die Chance, den Wandel zu beschleunigen, steigt aber noch weiter, wenn damit eine Selbstverpflichtung der Unternehmen einhergeht – dass zum Beispiel nicht abends um 21 Uhr Aufträge erteilt werden, die bis zum nächsten Morgen bearbeitet werden sollen, ohne dass ein besonderer Zeitdruck besteht. Denn so etwas erschwert es, ein für Männer und Frauen gleichermaßen attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Für uns ist das Thema Diversität im Übrigen nicht nur auf Gender Diversity beschränkt. Es geht auch um soziale Durchlässigkeit. Da brauchen wir einen langen Atem und müssen vielleicht über Stipendien schon früher ansetzen als bisher – denn hier werden die entscheidenden Weichen schon vor der Berufswahl gestellt.

Wie werden in der Kanzlei der Zukunft die Nachwuchsjuristen ausgebildet?
Es wird gar nicht viel anders sein als heute. Zwar werden Commodity-Themen immer weiter automatisiert, so dass niemand mehr am Anfang seiner Laufbahn monatelang händisch Due Diligences abarbeiten muss. Aber wie bisher auch werden Nachwuchsjuristen vor allem dadurch lernen und an Erfahrung gewinnen, dass sie die Ergebnisse bewerten und Schlüsse daraus ziehen.

Neben der „klassischen“ juristischen Ausbildung werden auch andere Themen in den Fokus rücken. Wir bieten unseren Anwälten beispielsweise bereits seit einiger Zeit ein „Coding for Lawyers“-Programm an, um sie auf die Chancen der Digitalisierung vorzubereiten und die Innovationskraft der Kanzlei somit zu stärken.

Hat der Kanzleianwalt der Zukunft mehr oder weniger Freiheit bei der Berufsausübung?
Da sehe ich kein Entweder-oder. Es ist doch so: Zur Freiheit gehört, dass ich mich in die gewünschte Richtung entwickeln kann, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Bekomme ich als Anwalt bessere Werkzeuge an die Hand, um unternehmerisch sinnvoll Mandate zu bearbeiten, dann bin ich wettbewerbsfähiger und damit freier. Zudem steigt damit die Mandantenzufriedenheit – ein Treiber für die Motivation eines jeden Dienstleisters.

Wie werden sich die Vergütungssysteme in Kanzleien verändern?
Allein schon weil ein wachsender Teil der Leistung maschinell erbracht wird, lässt sich das nicht mehr nach Zeit abrechnen. Die Abkehr vom Stundensatz als Standardmodell der Vergütung ist auch der Tatsache geschuldet, dass Mandanten Budgetsicherheit haben wollen. Je weiter Kanzleien technisch voranschreiten, desto mehr können sie in dieser Hinsicht bieten. Das sieht man an Strategieberatern: Da wird nach Manntagen abgerechnet oder gleich pauschal für bestimmte Beratungsprodukte.

Aufgezeichnet von Marc Chmielewski. 

Weitere Beiträge zum Rechtsmarkt der Zukunft finden Sie in der aktuellen Ausgabe 4/2020 des JUVE Rechtsmarkt, die wegen der Corona-Ausnahmesituation diesmal auch kostenlos online erhältlich ist.

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