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27.03.2013

Kommentar: Verschenkte Jahre

Für die einen ist er eine Legende mit viel Potenzial, für die anderen ein Kanzlei-Methusalem, der die beste Zeit bereits hinter sich hat. Klar ist, dass Wilhelm Haarmann einer der einflussreichsten deutschen Wirtschaftsanwälte seit den 1990er Jahren war.

Unklar ist, ob der 62-Jährige es heute noch ist. Kann Haarmann Linklaters, seiner neuen Kanzlei, wirklich weiter helfen? Ja, er kann – aber er muss dafür sein sagenumwobenes Netzwerk in Beratungsmandate ummünzen.

Denn Haarmann kommt weder als Steuerrechtler, noch als Gesellschaftsrechter, noch als Schiedsrechtler, Haarmann kommt als Gesamtkunstwerk. Linklaters will mit ihm und seinen Kontakten weiter in die höchsten Ebenen deutscher Konzerne vordringen, und damit den Weg fortsetzen, den sie mit Freshfields-Mann Ralph Wollburg vor fünf Jahren eingeschlagen hat, und für den auch Corporate-Chef Hans-Ulrich Wilsing steht.

Der Unterschied zu Wollburg und Wilsing ist jedoch, dass beide in den vergangenen Jahren ihre Kontakte zu Fresenius, Douglas, RWE oder SGL Carbon tatsächlich gewinnbringend für die Gesamtkanzlei genutzt haben. Haarmann dagegen kennt zwar vielleicht jeden entscheidenden DAX-Vorstand, aber durch gesellschaftsrechtliche Großmandate ist er zuletzt nicht aufgefallen. Ein Grund: Seine Praxis bestand vor allem aus Steuerrecht und Schiedsverfahren, seine Kanzlei spielte aber nie in der Liga, die Linklaters nun für Haarmann vorsieht.

Freunde Haarmanns haben nie verstanden, warum er sich nach dem Ende Haarmann Hemmelraths 2005/2006 nicht einer Großkanzlei angeschlossen hat, die ihm eine Plattform für seine Art der Beratung und Beziehungspflege bieten konnte. Unter eigenem Namen begann er vor sieben Jahren praktisch von vorn. Er, der so stolz darauf war, Mitglied des World Economic Forums zu sein, änderte sein Kanzleiumfeld jedoch nicht einmal, als er 2007 – nach 15 Jahren (!) – seinen Sitz in Davos verlor.

Jetzt stimmt die Plattform, Haarmann muss sie (nur) nutzen. (Jörn Poppelbaum)

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