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15.09.2021

Legal Tech: Deloitte und Frommer gründen Kanzlei zur Abwehr von Massenklagen

Mit der industriellen Abwicklung von Verbraucherklagen haben technikaffine Rechtsdienstleister in den vergangenen Jahren den Markt umgekrempelt. Im Dieselskandal ist ein neuer Typus von Massenklägerkanzleien entstanden. Zunehmend spiegelt sich das auch auf Beklagtenseite. Nun gründen Deloitte Legal und Frommer Legal gemeinsam eine Kanzlei, bei der die Abwehr von Massenklagen der Kern des Geschäftsmodells ist.

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Björn Frommer

Das Joint Venture heißt, in Anlehnung an die berüchtigten amerikanischen Sammelklagen (Class Actions): Classreaction. Gesellschafter der Rechtsanwalts-GmbH sind die Frommer Legal-Anwälte Björn Frommer, Axel Gillessen und Katja Nikolaus sowie Thomas Northoff, Managing Partner der deutschen Praxis von Deloitte Legal. Northoff und Frommer laborieren an der Idee eines gemeinsamen Unternehmens bereits seit mehreren Jahren herum. Zur Gründung ihres Joint Ventures haben sich die Partner von dem Münchner Gesellschaftsrechtler Dr. Reinhard Lutz beraten lassen, Namenspartner von Lutz Abel.

Frommer Legal gehört zu den Vorreitern der technikgestützen Abwicklung von Massenverfahren – eine Mischung aus Kanzlei und IT-Unternehmen, die unter anderem für die Industrie in IP-rechtlichen Massenverfahren gegen Software-Piraterie im Einsatz ist. Im vergangenen Jahr stellte Frommer die Verfahrensmanagement-Plattform June vor, die sie auch an andere Kanzleien verkauft. Namenspartner Frommer ist zugleich CEO der June GmbH.

Multidisziplinäre Einheiten schielen auf Massenverfahren

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Thomas Northoff

Deloitte baut ihren Rechtsberatungsarm in Deutschland seit längerem kontinuierlich aus, aktuell sind es etwa 170 Anwälte. Im vergangenen Jahr stieß in Köln ein DWF-Team um Michael Falter hinzu – seitdem verfügt die Kanzlei auch abseits von Steuerstreitigkeiten über eine Disputes-Praxis. Massenverfahren sind für Einheiten dieses Typs interessant, da es neben juristischen Kenntnissen auch stark auf Prozess-Know-how und Projektmanagement ankommt – Felder, auf denen MDP-Einheiten vielen klassischen Kanzleien überlegen sind.

Auch die Deloitte-Konkurrentinnen unter den Big-Four-Rechtsberatungen sind bereits aktiv in Massenverfahren. KPMG Law etwa steht im Dieselkomplex an der Seite von VW, und bei PricewaterhouseCoopers Legal vertreten ehemalige Lindenpartners-Anwälte mehrere Sparkassen bei der Abwehr von Musterfeststellungsklagen. Bei EY Law ist ein großes Team für die Bundesrepublik im Einsatz, um Streitigkeiten im Zusammenhang mit Corona-Schutzausrüstungen abzuwickeln.

Classreaction will ihren Mandanten – Unternehmen im Angesicht drohender oder bereits laufender Massenklagen – alles aus einer Hand bieten: strategische Projektplanung, juristische Analyse, das Management aller Prozesse und Schnittstellen, die Steuerung der Abläufe sowie die Skalierung der Teams bis hin zur Kommunikation. Technisch setzt die Einheit auf Frommers Cloud-Plattform June auf, das Kernteam besteht zunächst aus zehn Mitarbeitern. Erster Fall: Classreaction vertritt eine Institution, die aktuell zahlreiche Verfahren im Zusammenhang mit Coronahilfen führt. (Marc Chmielewski)

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