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25.10.2012

Trümmerfeld WCCB

Strafprozess. Es gibt Platzprobleme im Sitzungssaal S 0.14 des Bonner Landgerichts. Nicht alle Anwälte, Mandanten und Übersetzer bekommen am 76. Verhandlungstag des Prozesses um das World Conference Center Bonn (WCCB) einen Stuhl in der ersten Reihe. „Ich würde schon gern neben meinem Mandanten sitzen“, poltert Dr. Walther Graf, Verteidiger des Hauptangeklagten Man-Ki Kim. „Und ich will dem Zeugen ins Gesicht sehen.“ 

Der Zeuge, das ist Zvi Tirosh, Immobilienrechtler bei Luther, Frankfurt. Er beriet den zypriotischen Investor Arazim, der Kims WCCB-Projektfirma UNCC im Jahr 2007 10,3 Millionen Euro mit einer Laufzeit von sechs Monaten lieh. Dafür verlangte Arazim 60 Prozent Zinsen und Gebühren sowie eine Eintragung der Grundschuld. Als Kim den Kredit nicht pünktlich tilgte, erhielt der Investor die vertraglich vereinbarten 94 Prozent der UNCC-Anteile.

Sittenwidrig nennt das Kims Verteidiger Graf. Er nimmt seinen Kollegen Tirosh in die Mangel, versucht ihn zu zermürben und widersprüchliche Aussagen aufzudecken. Da der Zeuge aber stets darauf hinweist, er könne sich nicht sicher erinnern, hat Graf letztlich nichts gegen ihn in der Hand. Seinem Mandanten Man-Ki Kim werden Betrug, Untreue und Bestechung vorgeworfen.

Der Prozess rund um den Skandal WCCB hat zahlreiche Facetten. Man-Ki Kim wird vorgeworfen, er habe der Stadt Bonn mit seiner Firma SMI Hyundai die Bonität eines Weltkonzerns vorgetäuscht und sich an öffentlichen Geldern bereichern wollen. Seine ehemaligen Anwälte Ha-Sung Chung (Janolaw Chung) und Wolfdietrich Thilo (inzwischen ohne Anwaltszulassung) sind ebenfalls wegen Betrugs und Bestechung beziehungsweise Beihilfe zum Betrug angeklagt. Auch städtische Mitarbeiter sind in den Fokus der Staatsanwaltschaft geraten. Sie sollen dafür gesorgt haben, dass unberechtigt Landesmittel auf das Konto der UNCC flossen.

Neben dem Strafprozess entflammt der WCCB-Skandal auch zahlreiche zivilrechtliche Streitigkeiten. So hat etwa SMI Hyundai Arazim vor dem Landgericht Frankfurt verklagt: Im Zusammenhang mit der Übertragung der UNCC-Anteile auf Arazim hat SMI Hyundai-Anwalt Dr. Christoph Schiemann (Hümmerich) einen Zahlungsantrag in Höhe von 1.000 Euro gestellt, ursprünglich sollen es 900.000 Euro gewesen sein. In den USA hat unterdessen Honua, ebenfalls ein WCCB-Investor, SMI Hyundai auf Schadenersatz verklagt – und gewonnen. Der Grund: Man-Ki Kim hatte dem Investor angeblich UNCC-Anteile übertragen, die zu diesem Zeitpunkt aber bereits im Besitz von Arazim waren.

Der 76. WCCB-Verhandlungstag neigt sich dem Ende. Müde Gesichter blicken Zvi Tirosh an, der geduldig und gewissenhaft alle Fragen beantwortet. Eine Übersetzerin murmelt Kim ununterbrochen die Vorgänge im Gerichtssaal auf Englisch ins Ohr – und es ist immer noch eng. „Ich weiß nicht mehr, wohin ich rutschen soll“, sagt die Übersetzerin entschuldigend. „Hauptsache weg“, grummelt der Anwalt neben ihr. (cn)

 

Was bisher geschah

2002 Die Stadt schreibt das Projekt europaweit aus

August 2005 Es liegen keine Bilanzen vor, die Sparkasse verweigert SMI Hyundai (Man-Ki Kim) den Kredit. Die Stadt hält mangels Alternative an Arazim fest, die Sparkasse fordert von ihr eine Sicherheit für den 74,3-Millionen-Kredit.

Dezember 2005 Der Stadtrat segnet das WCCB-Projekt ab; SMI Hyundai wird zum Investor bestimmt. Kim kann nur 10 statt der geforderten 40 Millionen Euro Eigenkapital nachweisen.

Februar 2007 Kim bekommt von Arazim 10,3 Millionen Euro.

August 2007 Kim tilgt den Kredit nicht pünktlich, Arazim erhält 94 Prozent der UNCC-Anteile. Arazim wird mit einer Grundschuld von 13,3 Millionen ins WCCB-Grundbuch eingetragen.

September 2009 SMI Hyundai meldet Insolvenz; der Bau des WCCB wird gestoppt.

März 2012 Die Stadt Bonn verdrängt Arazim mit einer Zahlung von 3 Millionen Euro aus dem Grundbuch.

 

Vertreter Man-Ki Kim
Feigen Graf (Köln): Dr. Walther Graf; Associate: Matthias Sartorius (beide Strafrecht)

Vertreter Ha-Sung Chung
Stefan Romansky (Bonn)
Geduldig & Kahlenborn (Bad Münstereifel): Ulrich Kahlenborn (Strafrecht)

Vertreter Wolfdietrich Thilo
Kanzlei Sieben (Düsseldorf): Ulrike Sieben (Strafrecht)

Staatsanwaltschaft Bonn
Fred Apostel, Ulrich Stein, Timo Hetzel

Landgericht Bonn, Wirtschaftsstrafkammer
Jens Rausch (Vorsitzender Richter)