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29.09.2020

Interview: Brauchen Kanzleien und Unternehmen einen Vergütungsrat?

Die Preise für die Arbeit von Kanzleien sind zu intransparent, findet eine Gruppe von Professoren, Inhouse- und Kanzleianwälten – und hat daher den Deutschen Vergütungsrat gegründet. Der will einen „Honorarkodex“ erarbeiten und bald Berater zertifizieren. JUVE sprach über das Projekt mit Prof. Dr. Jens Prütting von der Bucerius Law School. Er ist der erste Senatspräsident des Gremiums.

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Jens Prütting

Wozu braucht es einen Vergütungsrat im Rechtsmarkt?
Niemand spricht offen über Preise und Honorare. Der Anwaltsmarkt ist – wie auch die anderen Beraterbranchen – geprägt von Preisintransparenz. Dies ist möglicherweise der Befürchtung geschuldet, dass Transparenz zu Preisverfall führen könnte. Bei näherer Betrachtung erscheint das jedoch als folgenschwerer Irrtum.

Warum?
Preistransparenz führt zu Preisstabilität – und die kann vor Preisverfall und Nachverhandlungen oder gar Streit schützen. Mit einer Vertrauensperson nicht offen über die Vergütung sprechen zu können, belastet zudem die komplexen Beziehungen von Beratern und Mandanten.

Was wollen Sie am etablierten Vergütungsmodell ändern?
Expertenrat nach Zeit zu vergüten ist nicht immer sachgerecht. Die ‚billable hour‘ schafft in einigen Situationen falsche Anreize – jedenfalls spiegelt sie aber den eigentlichen Wert der anwaltlichen Beratung teilweise nur unzureichend. Viele Unternehmen und Kanzleien haben bereits eigene Vorstellungen und Modelle als Alternativen zu Zeithonoraren entwickelt. Nun sollen die Erkenntnisse der Marktteilnehmer miteinander geteilt werden. Wichtig ist uns dabei: Gespräche über Preismodelle sind nicht gleichzusetzen mit Preisabsprachen. Preisbildung im konkreten Fall ist nicht Thema des Vergütungsrates. Vielmehr geht es um Grundregeln der Vergütungsstruktur sowie Offenheit und Fairness im Hinblick auf die Konsumenten der Leistung.

Kann man Mandate, so unterschiedlich wie sie in der Praxis sind, überhaupt pauschal bepreisen?
Überwiegend lässt sich dies bejahen. Es mag zwar den viel besungenen Sonderfall geben, der selbst für die erfahrensten Anwälte nicht planbar ist. Aber – und da spreche ich selbst als Anwalt – zwei Aspekte zeigen doch, dass viele Projekte auch pauschal oder zumindest teilweise pauschal bepreist werden können. Erstens: Das Projekt- und Ressourcenmanagement der Kanzleien zwingt vor Annahme eines größeren Mandats zur internen Überlegung oder gar Abstimmung – und damit automatisch zu einer Abschätzung von Tätigkeiten, Personen und Fähigkeiten. Zweitens: Die überwiegende Zahl der Mandate lässt sich in Arbeitspakete und Meilensteine zerlegen, und je kleinteiliger geplant wird, desto einfacher ist die Preisgestaltung. Erfahrene Berater und Beratungsstrukturen können – jedenfalls in ihrem Spezialgebiet – nach meiner Erfahrung Arbeitsaufwand und Ressourceneinsatz vorab erstaunlich präzise einschätzen.

Was bedeutet das für Preisverhandlungen?
Honorarverhandlungen werden um Vielfaches einfacher. Auch wenn der Vergleich selbstverständlich partiell hinkt: In einem Restaurant werden Sie auch nicht den Versuch unternehmen nachzuverhandeln. Das meinen wir mit Preisstabilität. Solange Unklarheit über die Stundensätze einer Kanzlei besteht, geht der Mandant im Zweifel davon aus, dass das ihm präsentierte Angebot als Einstieg in Verhandlungen hierüber gemeint sei. Daneben besteht in vielen Fällen die Chance, dass Mandanten Offenheit und Transparenz der Preisgestaltung als Servicemoment erleben.

Steigen oder sinken Kanzleiumsätze durch alternative Preisgestaltung?
Erste Praxiserkenntnisse und Feldversuche sowie Mandanten-Umfragen zeigen ein klares Bild. Ein fix budgetierbarer Preis darf durchaus deutlich über dem Preis liegen, der etwa im Rahmen einer Zeithonorarschätzung erreicht würde. Mandanten sind bereit, signifikante Aufschläge für Budgetsicherheit und Budgetplanbarkeit zu zahlen. Welche Modelle für alle Marktseiten das Optimum darstellen, gilt es nun herauszuarbeiten.

Sie wollen einen Honorarkodex entwickeln, nach dem sich Kanzleien zertifizieren lassen können. Was haben die davon?
Zertifizierte Preistransparenz ist zertifizierte Mandantenorientierung. Es geht um Inhalt und um Selbstverpflichtung. Solche Bemühungen darf eine Kanzlei auch gerne deutlich am Markt kommunizieren, da sie Anstrengungen zeigt, ein integrer Marktteilnehmer zu sein. Ist das Zertifikat erst einmal etabliert, kann es auch helfen, im Streit um Honorare den anwaltlichen Aufzeichnungen ein gewisses Mehr an Gewicht und Plausibilität zu verleihen.

Was sind die Voraussetzungen?
Bald wird es – entsprechend der Transparenz-Stufen bestimmter Börsensegmente wie General Standard und Prime Standard – unterschiedliche Zertifizierungsaussagen geben: Geringe Transparenz wird nur ein eingeschränktes Zertifikat nach sich ziehen, hohe Transparenz ein entsprechend umfassendes Zertifikat. Die Details befinden sich in Entwicklung.

Was soll das kosten?
Die Zertifizierung soll kostendeckend arbeiten. Einmalig 169 Euro pro Jahr pro Berufsträger sind für den technischen Aufwand im Hintergrund aufgerufen. Mir persönlich erscheint dies angesichts der erheblichen Anstrengungen, die um Gestaltung, Fortentwicklung, Organisation und Prüfung ins Werk gesetzt werden, überschaubar und angemessen.

Wie soll das sogenannte Codex Committee hierzulande gebildet werden, das den angestrebten Honorarkodex entwickelt?
Wer ein Interesse an den Inhalten des Honorarkodex hat, ist herzlich eingeladen, mitzugestalten und teilzuhaben. Fachgruppen werden einzelne Aspekte des Honorarkodex bearbeiten, und das Codex Committee insgesamt wird den Honorarkodex verabschieden sowie laufend fortentwickeln. Dabei sollen klassische Transaktionsthemen oder Projektberatung ebenso behandelt werden wie Legal Tech oder zum Beispiel Verbesserungen der Abrechnungstransparenz nach RVG – pars pro toto für alle denkbaren Interessengruppen. Wir werden stets nach geeigneten Persönlichkeiten aller Berufs- und Interessenzweige suchen, um jedem vernunftgeleiteten Ansatz Gehör zu verschaffen.

Die Zertifizierung der Kanzleien soll jedes Jahr überprüft werden – wer macht das?
Solange es bei der Selbstverpflichtung bleibt, erklärt sich die Anwaltschaft selbst jährlich erneut zum jeweils geltenden Honorarkodex. Comply or Explain – damit geht ein nicht unerheblicher Marktdruck einher.

Glauben Sie, der Honorarkodex wirkt dann ähnlich unverbindlich und doch stilbildend wie der Deutsche Corporate Governance Kodex?
Dieser Kodex ist ein hoch gegriffenes Vorbild, das ich gerne als Vision ausrufe. Ich persönlich glaube, dass der Honorarkodex und insbesondere die damit verbundenen Diskussionen starken Einfluss auf den Markt haben werden. Womöglich wird auch der Gesetzgeber Hinweise aufnehmen und in das RVG einfließen lassen. Schon vor dem Hintergrund z.B. von Legal Tech wird sich ohnehin einiges auch im RVG und den Diskussionen hierüber tun. Aber auch ungeachtet einer Durchsetzung des Honorarkodex wird die öffentliche Diskussion in der Sache angestachelt werden und Schwung erhalten.

Das Gespräch führte Sonja Behrens.

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