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19.11.2020

Projekt Honorarkodex: Kanzleien sollen Preise besser erklären als sie müssen

Was ist ein angemessener Preis für Rechtsberatung? Die Frage begleitet den Anwaltsberuf seit Anbeginn. Nun nimmt ein Gremium aus renommierten Akademikern, Kanzleianwälten und Inhouse-Juristen einen neuen Anlauf, sie zu beantworten. Der kürzlich gegründete Deutsche Vergütungsrat hat einen „Honorarkodex“ entwickelt. Der enthält zwar viele Binsen, auf die sich alle einigen können, und hört meist da auf, wo es spannend wird – aber er soll weiterentwickelt werden und den Rechtsmarkt prägen.

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Jens Prütting

Ziel des Kodex ist es, „dem Anwalt oder der Kanzlei die angemessene Vergütung zu sichern und zugleich dem Mandanten hierzu die bestmögliche Transparenz zur Entstehung und Kontrolle zu gewähren“. 

Gemessen daran, dass es den Vergütungsrat erst seit ein paar Monaten gibt, ist das Kodex-Projekt erstaunlich weit gediehen. Initiatoren sind die Münchner Anwälte Prof. Dr. Clemens Engelhardt und Dr. Christopher Hahn sowie der Kanzleimarketing-Experte und Managementberater Dan Bauer. Das Trio hat in kurzer Zeit eine illustre Runde an Rechtsmarkt-Akteuren für die Kodex-Arbeit gewonnen.

Prominente Juristenrunde

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Thomas Lösler

Dazu zählen unter anderem: Dr. Thomas Lösler, der mehr zehn Jahre Compliance-Chef der Allianz war, bevor er im 2019 die Leitung des West- und Südeuropageschäfts übernahm; Dr. Alexander Steinbrecher, Head of Group Corporate, M&A and Legal Affairs bei Bombardier; Andreas Krause, General Counsel von Delivery Hero. Die Managing-Partner von Dentons und SKW Schwarz, Andreas Ziegenhagen und Stefan Schicker, sind ebenso dabei wie Legal-Tech-Unternehmer Dr. Benedikt Quarch und Oxford-Professor Dr. Michael Smets. Erster Senatspräsident des Vergütungsrats ist Prof. Dr. Jens Prütting von der Bucerius Law School.

Nicht die Höhe der Kosten von Rechtsberatung stört Mandanten, sondern die Unsicherheit über diese Kosten – das ist eine der Grundannahmen des Gremiums. „Ein fix budgetierbarer Preis darf durchaus deutlich über dem Preis liegen, der etwa im Rahmen einer Zeithonorarschätzung erreicht würde“, sagte Prütting kürzlich im JUVE-Interview. „Mandanten sind bereit, signifikante Aufschläge für Budgetsicherheit und Budgetplanbarkeit zu zahlen.“

Hinweis, wenn’s mal wieder teurer wird – selbstverständlich oder nicht?

Was steht nun drin im Kodex? Auf den ersten Blick: Selbstverständlichkeiten. „Qualitativ hochwertige Beratung ist von besonderem Wert für den Mandanten“, „Der Mandant ist unverzüglich zu informieren, wenn der ursprüngliche Kostenrahmen nicht eingehalten werden kann“, „Anwalt und Mandant führen jede Geschäftstransaktion in voller Übereinstimmung mit dem geltenden Recht durch“, „Der Anwalt wird zusätzliche Anwälte/Büros/Kanzleien, die unmittelbar dem einzelnen Mandat dienen, nicht ohne die vorherige Zustimmung des Mandanten hinzuschalten, sofern die Kosten hierfür zusätzlich den Mandanten in Rechnung gestellt werden“.

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Alexander Steinbrecher

Dass das jedoch alles auch 2020 noch nicht so selbstverständlich ist, wie man meinen sollte, wurde in der Auftaktveranstaltung zum Projekt Honorarkodex deutlich. In der Online-Tagung schilderten unter anderem der Bombardier-Jurist Steinbrecher und Kanzleienforscher Smets ihre Nöte mit Nachvollziehbarkeit von Kosten für Rechtsberatung. Bei aller hinlänglich bekannten Skepsis gegenüber der Stundensatz-Abrechnung, die laut Steinbrecher in den 1960er-Jahren von US-Anwälten erfunden wurde: Wie es en détail denn sonst gehen soll, dazu liest man bisher wenig Neues. So schlägt der Kodex vor, dass Skalen-Effekte und Legal Tech bei der Preisfindung berücksichtigt werden, Mandanten sollen nicht verdeckt über intransparente Stundensätze für die Ausbildung von Associates aufkommen.

Allerdings soll der Kodex auch nur ein erster Aufschlag sein. Arbeitsgruppen zu Themen wie Honorarmodelle, Ethik und Legal Tech sollen das Regelwerk weiterentwickeln. Am Ende sollen „Allgemeine Deutsche Vergütungsbedingungen“ formuliert werden. Die Stoßrichtung ist klar: „Über das rechtlich geschuldete Maß hinaus“ sollen Kanzleien ihren Mandanten Transparenz bieten. Dass der Markt an Details brennend interessiert ist, zeigt die bisherige Resonanz des jungen Kodex-Projekts deutlich. (Marc Chmielewski) 

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