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28.05.2015

Mandatierung nach Diversity-Kriterien: Theorie mäßig, Praxis dürftig

Für 70 Prozent der Mandatierungsverantwortlichen deutscher Unternehmen spielt die Frage, wie es die Kanzlei mit der sogenannten Gender Diversity hält, keine Rolle bei der Auftragsvergabe. Ob die Kanzlei überhaupt weibliche Partner hat, interessiert sie nicht. Theoretisch findet allerdings gut die Hälfte der Befragten es  zumindest “auch wichtig”, dass es Frauen in der Partnerschaft der Kanzlei gibt. Erklärtermaßen unwichtig ist dieser Aspekt nur 31 Prozent.

Dr. Nicola Byok, Rechtsanwältin und tätig bei der Bucerius Education in Hamburg, hat bei 31 Unternehmen nachgefragt. Mit dabei waren unter anderem der Airbus-Konzern, die Allianz, die Deutsche Bank, Audi, BASF, Bertelsmann, Bosch, E.on und die Deutsche Bahn. Immerhin zwei Drittel dieser Unternehmen haben selbst Vorgaben zur Diversity. Nur zehn Prozent erstrecken derartige Vorgaben aber auch auf ihre Geschäftspartner. Eine unternehmenspolitische Notwendigkeit, bei der Kanzleimandatierung auf Diversity-Aspekte zu achten, besteht also in der Regel nicht.

Entsprechend spiegeln sich in den Antworten auch geschlechtsspezifische Unterschiede wider: Fast 80 Prozent der Männer ignorieren bei der Mandatierung die Partnerschaftszusammensetzung der Kanzlei, bei den Frauen sind dies immerhin noch 63 Prozent. 44 Prozent der Männer sind auch persönlich völlig uninteressiert daran, ob die Kanzlei überhaupt Partnerinnen hat. Bei den Frauen sind es nur 19 Prozent.
Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn es darum geht, ob unter den Anwälten, die das vergebene Mandat bearbeiten, Frauen sind oder nicht: Frauen legen größeren Wert auf ein gemischtes Team. Zwar achten 52 Prozent nicht darauf, bei den Männern sind es aber sogar 78 Prozent. Längst belegen Studien jedoch, dass gemischte Teams oft bessere Lösungen zustande bringen, als reine Männer- oder Frauengruppen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Hoffnung, Mandanten würden Druck auf die Kanzleien ausüben und damit die Frauenquote in der Partnerschaft nach oben treiben, wohl vergeblich ist. Theoretisch bekennen sich zwar viele Mandatierungsverantwortliche zur Vielfalt, doch in der Praxis ignorieren sie diesen Faktor weitgehend. Von den Männern werden Anwältinnen jedenfalls kaum Schützenhilfe erwarten können. Wenn überhaupt, werden es die Chefjuristinnen sein, die eine Veränderung treiben.

Die Resultate aus den deutschen Unternehmen beziehungsweise den deutschen Niederlassungen ausländischer Unternehmen deuten in dieselbe Richtung wie internationale Studien. Zwar gehört es im angloamerikanischen Rechtsraum längst zum Standard, bei Mandatsausschreibungen auch nach Diversity-Aspekten zu fragen, doch gehandelt wird danach nicht unbedingt. (Astrid Jatzkowski)

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