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26.02.2014

Gerold Zeiler auf dem Sprung: Schönherr verliert Schieds- und Arbeitsrechtspraxis

Schönherr steht vor einem Umbruch. Der langjährige Partner Dr. Gerold Zeiler (49) spaltet sich zusammen mit acht weiteren Juristen ab, um sich selbstständig zu machen. Damit muss Österreichs zweitgrößte Kanzlei in absehbarer Zeit zwei Praxen neu aufbauen.

Gerold Zeiler

Gerold Zeiler

Denn Zeiler ist nicht nur einer der bekanntesten Schiedsexperten des Landes. Er hatte vor vielen Jahren auch den Bereich Arbeitsrecht ins Leben gerufen. Dieser ist seitdem organisatorisch der Dispute-Resolution-Gruppe zugeordnet, die Zeiler seit 16 Jahren leitet. Nun wurde durch Recherchen von ‚Die Presse‘ bekannt, dass Zeiler mit dem Kern seines Teams spätestens mit Ende des laufenden Geschäftsjahres zum 31. Jänner 2015 die Kanzlei verlässt.

Zeiler selbst steht seit Langem vor allem für die Beratung im Schiedsrecht. Er leitet hier eine der wichtigsten Praxen Österreichs und gehört zu den erfahrensten österreichischen Anwälten für Investitionsstreitigkeiten. Neben Freshfields Bruckhaus Deringer betreibt Zeiler die einzige Praxis, die regelmäßig bei ICSID-Verfahren zum Zuge kommt. Hier beriet er etwa Montenegro in einem Verfahren gegen MMNSS. Jüngst wurde er zudem von Kirgisistan im Investitionsstreit mit dem kanadischen Explorationsunternehmen Stans Energy für ein Schiedsverfahren mandatiert.

Aus der Schiedspraxis folgen ihm nun Dr. Lisa Beisteiner (31) und Dr. Alfred Siwy (35) sowie die Konzipienten Dr. Michael Nueber und Karl Wörle. Beisteiner und Siwy arbeiteten zuletzt vermehrt auch in Prozessen mit. Denn Schönherr hatte vor knapp einem Jahr beschlossen, eine zentrale Litigation-Praxisgruppe ins Leben zu rufen. Deren beide Leiter, Dr. Andreas Natterer (46) und Dr. Michael Walbert (36), bleiben zusammen mit ihren Konzipienten bei Schönherr.

Für Zeiler hat sich die Häufung von Interessenkonflikten zuletzt immer mehr als Problem herausgestellt. „Es kommt zur Zeit immer häufiger zu Ablehnungen von Schiedsrichtern. Gerade in großen Einheiten wie Schönherr ist das normal. Aber für mich stellt sich dann schon die Frage, ob ich so weiter machen kann und will“, so Zeiler. „Daher habe ich meine Partner schon vor einiger Zeit darüber unterrichtet, dass dies mein letztes Jahr bei Schönherr sein wird.“

Eine solche Entwicklung ist bei international tätigen Kanzleien nicht unüblich, insbesondere in Großbritannien, Belgien und der Schweiz haben diverse renommierte Schiedsexperten ihre eigenen Kanzleien gegründet. Für viel Aufsehen im Kanzleimarkt sorgte etwa die jüngste Ausgründung von Freshfields-Anwälten um Jan Paulsson, einer der weltweit besonders anerkannten Schiedsrichter. Paulsson war 2013 altersbedingt bei Freshfields ausgeschieden, nun folgen ihm mit Constantine Partasides, Leiter der britischen Schiedspraxis, und dem jüngeren Pariser Partner Georgios Petrochilos zwei weitere Hochkaräter in die eigene Arbitration-Boutique.

Neuaufstellung bei Schönherr

Christoph Lindinger

Christoph Lindinger

Die Leitung der Schiedspraxis bei Schönherr will nun der derzeitige Managing-Partner von Schönherr, Dr. Christoph Lindinger, übernehmen. Der erfahrene Gesellschaftsrechtler und in Zentraleuropa gut vernetzte 51-Jährige ist allerdings noch bis 2017 gewählt. Aus seiner Sicht ist diese Doppelbelastung dennoch tragbar. „Die Entlastung durch COO Gudrun Stangl Lutz hat sich enorm entwickelt“, sagte Lindinger. Diese Position hatte die Kanzlei Mitte 2013 eingeführt. „Ich habe an Managementbelastung bei mir zuletzt einiges entweichen sehen. Das wird machbar sein.“ Nach den Abgängen wird die Praxisgruppe in Wien noch sieben Juristen umfassen. Jedoch sind in den Schönherr-Büros in Mittel- und Osteuropa weitere rund 25 Juristen mit diesem Fokus tätig. Unter anderem soll auf Verfahren in dieser Region ein Schwerpunkt liegen. „Wir werden die Praxis relativ schnell wieder aufstocken“, sagte Lindinger.

Auch für das Arbeitsrecht kündigte er neue Köpfe an: „In drei Wochen können wir mehr sagen“, sagte der Managing-Partner. Schon jetzt deutet alles darauf hin, dass ein erfahrener Arbeitsrechtler, womöglich mit Team, kommen wird. Denn Lindinger verdeutlicht: „Wir wollen das Arbeitsrecht nicht von Grund auf aufbauen, sondern mit jemanden, der sich auskennt.“

Aus diesem Bereich gehen mit dem bisherigen Leiter der Praxis, dem Non-Equity-Partner Dr. Hans Laimer (38), sowie Anwalt Dr. Martin Huger (36) ebenfalls die seniorsten Köpfe von Bord. Sie nehmen ihrerseits zwei Konzipienten mit.

Abgänger mit Tradition

Zeilers neue Kanzlei soll auf drei Säulen stehen. Neben Schiedsrecht und dem – streitigen – Arbeitsrecht soll schnell auch allgemeines Prozessrecht folgen. „Wir wollen Litigation mittelfristig auf dasselbe Niveau bringen wie Arbitration“, sagte Zeiler. „Ich werde das Gebiet zunächst persönlich betreuen, aber wir werden auch neue Leute holen.“

Als Schiedsrechts-Boutique stößt Zeiler in einen gut besetzten Markt vor. In ähnlich fokussierter Aufstellung sind zum Beispiel auch die Kanzleien Konrad & Partner und Baier tätig. Auch im Arbeitsrecht gehören Spezialkanzleien wie Burgstaller & Preyer oder Engelbrecht & Partner zu den renommierten Einheiten.

Bei Schönherr machen sich immer wieder lang gediente Partner selbstständig. Bereits vor zehn Jahren eröffnete der zu den führenden IP-Anwälten zählende Dr. Lothar Wiltschek eine Boutique. 2007 folgte dann Schönherr-Gründungspartner Prof. Dr. Hellwig Torggler, der heute ebenfalls seinen persönlichen Schwerpunkt im Bereich Schiedsverfahren hat. Seit vergangenem Sommer ist schließlich der langjährige Gesellschaftsrechts-Partner Dr. Stephan Frotz in eigener Kanzlei am Markt. (Jörn Poppelbaum, Geertje de Sousa)

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