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29.09.2016

Im Gespräch mit Iain Sheridan: Brexit ist wie Radfahren an einer viel befahrenen Straße

Gehen Großbritannien und die Europäische Union tatsächlich demnächst getrennte Wege, gilt es auch für Kanzleien, vorbereitet zu sein. Im Gespräch mit JUVE skizziert der in Wien tätige, britische Jurist Iain Sheridan (48), wie er als Anwalt das Thema Brexit angeht – mit seiner eigenen Kanzlei und mit Mandanten.

JUVE: Was würde ein möglicher Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union für Sie bedeuten?
Iain Sheridan: Als europäischer Anwalt mit Eintragung bei der Wiener Kammer hoffe ich, dass es im Fall eines Brexit einen Bestandsschutz geben wird. So könnte ich weiter in Mittel- und Osteuropa tätig sein.

Derzeit sind Sie in Wien vor allem auf den Gebieten Finanzen, Kapitalmarkt und Schiedsrecht tätig. Was würde sich daran ändern?
Inhaltlich bleibt die Ausgangsidee von vor eineinhalb Jahren bestehen: Die Wiener Börse arbeitet auf einem extrem hohen, internationalen Niveau. Aus meiner Erfahrung mit 30 internationalen Börsen und zehn Jahren in der City in London sehe ich die Plattform hier als versteckten Schatz. Und natürlich hat Wien als Schiedsrechtsstandort international Chancen.

Welche Konsequenzen haben Mandanten bislang aus einem möglichen Brexit gezogen?
Bislang herrscht im Bank- und Finanzbereich in Standortfragen noch Abwarten vor. Dabei ist sicher, dass etwas passieren wird. Aus meiner Sicht ist Frankfurt für Institute die logischste attraktive Alternative, wenn es um einen Sitz in einem EU-Land geht. Bei etwas innovativen Gedankenspielen ergeben sich jedoch durchaus andere Optionen. Und warum nicht auch Wien? Das Potenzial ist auf jeden Fall da: in der vorhandenen Technik, im Know-how, in der Lebensqualität und dem strategischen Zugang nach Zentral- und Osteuropa.

Welche Maßnahmen treffen Sie, damit Ihre Mandanten und Sie selbst auf einen Brexit vorbereitet sind?
Ich vergleiche das mit dem Radfahren entlang einer viel befahrenen Straße. Bislang geht es vor allem darum, zu analysieren und zu planen, um sich so auf mögliche Szenarien vorzubereiten. Das bedeutet, sich genau mit den rechtlichen Vorgaben der EU auseinanderzusetzen, um die Schlaglöcher auszumachen und abzusehen, wie sie gefüllt werden. Denn es gilt ja, einen Unfall oder auch nur einen Platten zu vermeiden. Schließlich können Verstöße gegen die Regeln sehr teuer kommen.

Das Gespräch führte Raphael Arnold.

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