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13.11.2017

Interview: „Entscheidend kann sein, ob der Bewerber einen ‚Schmäh‘ hat“

Pro Jahr fallen bei der Finanzprokuratur rund 7.000 Fälle an. Die Erfolgsquote des Anwalts und Beraters der Republik lag zuletzt bei mehr als 88 Prozent. Präsident Dr. Wolfgang Peschorn über die Ausbildung und Arbeit von Juristen bei der Behörde.

JUVE: Warum sollte sich ein Jus-Absolvent dazu entschließen, bei der Finanzprokuratur zu arbeiten?

Wolfgang Peschorn: Weil er bei uns eine sehr umfassende Ausbildung erhält und die Tätigkeit in der Finanzprokuratur hochinteressant ist.

Wie genau sieht diese Ausbildung aus?

Es ist eine mehrjährige Ausbildung, an deren Ende die Anwalts- und die Prokuraturprüfung stehen. Dabei werden vor allem die theoretischen und praktischen Kenntnisse im Zivil-, Verfassungs-, Verwaltungs-, Abgaben- und Organisationsrecht abgefragt. Uns ist wichtig, dass ein Kandidat sowohl die Seite eines Anwalts als auch jene der Verwaltung kennt. Wenn man so will: die Finanzprokuratur ist so etwas wie der Lotse des Staates.

 Wie schwierig ist die Prokuraturprüfung?

Sie besteht aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil vor einer Prüfungskommission, der ich vorsitze. Sie ist mit der Rechtsanwaltsprüfung vergleichbar. Aber etliche junge Mitarbeiter verlassen die Finanzprokuratur bereits davor.

Des Geldes wegen? Bei Großkanzleien verdient man ja doch besser…

Das war bis 2011 tatsächlich wohl ein Hauptmotiv. Seither haben wir allerdings ein neues Gehaltsschema, das jenen der Oberstaatsanwälte angeglichen ist. Damit sind wir hinsichtlich der Bezahlung im Staatsdienst konkurrenzfähiger geworden.

Wie viele Juristen beschäftigen Sie aktuell?

Es sind 53 Juristen, davon 36 Prokuraturanwälte. Wir unterliegen bei der Neuaufnahme  vielen Restriktionen der Republik: Es hängt immer davon ab, wie viele Planstellen und welches Budget zur Verfügung stehen und ob die Politik eventuell einen Aufnahmestopp verhängt hat. Außerdem haben wir die Verpflichtung, in einem ersten Schritt bundesinterne Bewerber vorrangig zu behandeln.

Wie sieht es denn aktuell mit Einstellungen aus?

Wir haben heuer schon vier Mitarbeiter für den Anwaltsdienst aufgenommen. 

Worauf legen Sie bei neuen Mitarbeitern Wert?

Abgesehen von einer hohen juristischen Qualifikation müssen natürlich auch äußere Voraussetzungen wie das Auftreten, die Kommunikation und die Ausdrucksweise passen, zumal wir als Anwälte der Republik mit unserem Auftreten auch einen Standpunkt durchsetzen können sollten. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Bewerber auf bestimmte unvorhersehbare Situationen reagieren. Deshalb werden solche Situationen auch beim Bewerbungsgespräch durchgespielt.

Wie wichtig ist Ihnen das Zeugnis bei der Kandidatenauswahl?

Die Bewerbungsunterlagen in ihrer Gesamtheit sind interessant, nicht das einzelne Zeugnis.

Ist es wichtiger, dass jemand in Mindeststudiendauer studiert hat oder dass er aufgrund von Nebentätigkeiten während des Studiums kommunikativer und erfahrener ist?

Das eine schließt ja das andere nicht aus. Dass jemand kommunikativer und sozial umgänglicher ist, wenn er länger studiert hat, würde ich so nicht unterschreiben. Es ist für mich aber kein Ausschlusskriterium, wenn jemand etwas länger studiert hat.

Wie würden Sie die Qualität Ihrer Bewerber beschreiben?

Sehr unterschiedlich. Entscheidend kann für mich bei der Auswahl sein, ob einen jemand im Gespräch mitnehmen kann und ob er auf gut Wienerisch einen „Schmäh“ hat. In unserem Beruf ist es ja sehr wichtig, andere zu überzeugen und eigenständige Gedanken zu entwickeln.

Wie viel der Tätigkeit in der Finanzprokuratur spielt sich am Schreibtisch ab, wie viel bei Gericht?

Genaue Prozentsätze kenne ich nicht. Es muss aber jedem Bewerber klar sein, dass es bei uns – anders als in Großkanzleien – diese strikte Trennung in Litigation und Nicht-Litigation nicht gibt. Bei uns muss man von Anfang an beides machen. Verhandlungen bei Gericht und Reisetätigkeit gehören ebenso dazu wie das Verfassen von Klagebeantwortungen und Revisionen. Von Tag eins müssen unsere Juristen bei Gericht verhandeln können. Die Verantwortungszuweisung erfolgt also sehr früh. Wir wollen unseren Anwälten das Rüstzeug für alle Situationen mitgeben. In weiterer Folge hat er sich auf bestimmte Rechtsgebiete zu spezialisieren.

Wie sieht die Hierarchie in der Finanzprokuratur aus?

Wir haben eine sehr flache Hierarchie. Der in Ausbildung befindliche Jurist ist einem Prokuraturanwalt zugeteilt. Die Prokuraturanwälte sind in acht Geschäftsfeldern tätig, von Arbeit und Soziales bis zu Umwelt und Naturschutz. Diese werden von einem Leitenden Prokuraturanwalt geführt. Darüber bin ich als Präsident.

Wie hoch ist bei Ihnen die Frauenquote?

Die Quote liegt aktuell bei 61 Prozent. Damit sind wir im Finanzministerium die Bundesdienststelle mit der höchsten Frauenquote.

Wie sind die Arbeitszeiten in der Finanzprokuratur?

Die Kernarbeitszeit ist von 8 bis 16 Uhr. Im Regelfall lassen wir den Bleistift aber nicht um 16 Uhr fallen. Wir sind ja auch stark fristengetrieben und die Arbeitszeit richtet sich nach den Bedürfnissen der Mandanten. Und da kann es schon einmal passieren, dass eine Expertise am Wochenende ausgearbeitet werden muss.

Gibt es denn spezielle Incentives für Mitarbeiter?

Rabattaktionen gibt es bei uns nicht und die Annahme von Geschenken ist streng verboten. Das Incentive ist, dass es eine hochinteressante Tätigkeit ist. Viele Fälle aus den Medien gehen über unsere Schreibtische wie Eurofighter, Restitutionsfälle, Hypo Alpe Adria oder die juristische Aufarbeitung rund um die Wahlkarten 2016. Und viele interessante Fälle, von denen man in der Öffentlichkeit gar nichts weiß. Der gute Dienstgeber ist auch ein Incentive. Nicht zu vergessen, dass kein hoher Druck besteht, Geschäft zu akquirieren.

Welche Möglichkeiten haben Sie denn, gute Arbeit zu belohnen?

Ein Mal im Jahr gibt es die Möglichkeit, einen Bonus zu gewähren.

 

Das Interview führte Angelika Kramer.