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09.11.2018

Legal Tech: Von allen Anwälten verlassen

Software ermöglicht es kleinen Unternehmen und Privatkunden, simple Verträge selbst zu erstellen – Experten sehen die Anwendung durch juristische Laien allerings kritisch.

Roboter„Einfach und sicher maßgeschneiderte Verträge online erstellen“ – das verspricht die im September an den Start gegangene Plattform Vertragen. Sogar Laien sollen mit dem Tool Verträge selbst erstellen können. 99 Euro ­kostet beispielsweise eine Betriebsvereinbarung über die Verarbeitung von Arbeitnehmerdaten. Privatleute können für 29 Euro ein rechtsgültiges Testament oder einen Schenkungsvertrag erstellen. Dabei wählt der Nutzer auf der Webseite nicht aus bestehenden Vertragsvorlagen aus, sondern wird durch ein Frage-Antwort-Schema geleitet, aus dem anschließend ein geeigneter Vertrag generiert wird. 

Dahinter steckt die Anwaltskanzlei Schmelz mit Sitz in Wien und Klosterneuburg. Mit mehr als 50 unterschiedlichen Vertragsarten ist die Plattform zwar die umfangreichste, jedoch nicht die erste auf dem österreichischen Markt. Bereits Anfang 2018 launchte die Vorarlberger Kanzlei Dr. Clemens Pichler das Vertragstool Yellow Law, das sich ebenfalls an Kleinunternehmen und private Nutzer richtet. Mit nur neun Verträgen beziehungsweise Behördenschreiben ist Yellow Law zwar wesentlich schmaler bestückt als ihr Wettbewerber, ein Ausbau ist jedoch geplant.

Kontrolle durch einen Anwalt sichert ab

Um Haftungsfragen müssen sich die Nutzer beider Angebote übrigens keine Gedanken machen: Sollte ein Fehler bei der Vertragserstellung unterlaufen, greift die anwaltliche Haftung des jeweiligen Anbieters. Dr. Mathias Preuschl, Vorsitzender des Arbeitskreises IT & Organisation der Österreichischen Rechtsanwaltskammer sieht Tools, mit denen Mandanten ihre Verträge selbst zusammenstellen, dennoch kritisch, solange am Ende keine Kontrolle durch einen Anwalt erfolgt: „Es hat schon seinen Grund, warum man auch bei Standardverträgen ein Gespräch mit beiden Parteien führen sollte. Es braucht einfach einen erfahrenen Rechtsberater, der die richtigen Fragen stellt.“ Auch anderen Experten zufolge ist die Nutzung durch juristische Laien unter Umständen schwierig, da diese schon an der Auswahl des richtigen Vertrags scheitern könnten. Grundsätzlich ist der Einsatz von Legal Tech nach Ansicht von ­Preuschl aber sehr sinnvoll, jedoch eher, um die Arbeitsabläufe in Kanzleien schneller und effizienter zu machen. Auch für Rechtsabteilungen in Unternehmen oder Behörden bieten sich Automatisierungs- und Digitalisierungslösungen an. Um dahingehende Projekte zu fördern, haben sich einige der erfolgreichsten österreichischen Kanzleien zusammengeschlossen und eine Legal-Tech-Initiative gestartet.

Der Berliner Softwareanbieter Lawlift, der seit einigen Monaten auch auf dem österreichischen Markt aktiv ist, hat bereits erste Schritte in diese Richtung gemacht. Mit Lawlift können Juristen in Kanzleien oder Unternehmen ­Dokumentenvorlagen für häufig angewendete Verträge in verschiedenen Abwandlungen erstellen. Dabei bietet die Software nur das Werkzeug, um komplexe Strukturen auch ohne Programmierkenntnisse anlegen zu können. Die eigentlichen Inhalte erstellen die Nutzer selbst. Als Anwälte wissen sie schließlich am besten, auf welche juristischen Feinheiten sie achten müssen, um den jeweiligen Vertrag rechtskonform und wasserdicht zu formulieren.

In Österreich sind bisher erst relativ ­wenige Anbieter auf dem Markt

Yellow Law: Zielgruppe Kleine Unternehmen und Endverbraucher; seit Januar 2018 auf dem Markt 

Lawlift: Zielgruppe Kanzleien und Rechtsabteilungen; in Österreich seit Sommer 2018 auf dem Markt

Vertragen: Zielgruppe Start-ups und Endverbraucher; seit September 2018 auf dem Markt

Gesellschaftsgruendung.at: Zielgruppe Gründungsverträge für kleine Unternehmen und Start-ups; seit Herbst 2018 auf dem Markt

PartnerVine: Bislang können nur Unternehmen und Wirtschaftsjuristen in der Schweiz das Dokumentenportal nutzen. Der Einstieg in Österreich ist geplant. (Annette Kamps)

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