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05.08.2019

Legal Tech in Kanzleien: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Unter den Kanzleien in Österreich herrscht ein gerütteltes Maß an Unsicherheit, wie digitale Entwicklungen anzugehen sind. Das zeigen ihre Pläne zu dem Thema: Gut über die Hälfte wollen in den kommenden zwölf Monaten in Software investieren; ebenfalls mehr als die Hälfte beobachten weiter, was es an neuen Entwicklungen gibt.

Peter Milligan

Peter Milligan

Beide Antworten liegen mit weitem Abstand über der nächsthäufigsten Antwort. Das ergibt sich aus einer JUVE-Umfrage zum Thema Legal Tech in Kanzleien, an der 88 Einheiten teilnahmen. Zur aktuellen Nutzung von Legal Tech ergibt sich ein ebenso diffuses Bild. Standard sind natürlich bei allen der elektronische Rechtsverkehr, das Rechtsinformationssystem (RIS) und Datenbanken etablierter Anbieter wie Manz oder LexisNexis. Jenseits dieses Kanons wuchert die Vielfalt.

Dabei ergibt sich aus der JUVE-Umfrage ebenso klar: 60 Prozent der Teilnehmer – weit überwiegend Managing-Partner – sind überzeugt: Wer in den kommenden Jahren nicht in digitale Helfer investiert, wird im Wettbewerb nicht bestehen. In der entsprechenden Umfrage in Deutschland mit 182 Teilnehmern, vor allem von kleinen und mittelgroßen Kanzleien, galt das sogar für 65 Prozent der Antworten.

Vorsicht bei Investitionen

Dennoch ist nur ein gutes Drittel der österreichischen Teilnehmer bereit, für digitale Lösungen im kommenden Jahr ein Budget bereitzustellen. Das Geld sitzt also alles andere als locker, die Vorsicht ist groß. Das erklärt auch einen markanten Unterschied zu Kanzleien in Deutschland: Dort sind 51 Prozent davon überzeugt, in eigene technische Entwicklungen investieren zu müssen. In Österreich sind es nur zwei Fünftel.

Speerspitze eines gemeinsamen Vorgehens hierzulande ist derzeit der Legal Tech Hub Vienna (LTHV). Vor weniger als einem Jahr von sieben bedeutenden Kanzleien aus der Taufe gehoben, hat sich der Kreis seiner Kooperationspartner bereits im März deutlich erweitert um die Universität Wien, die Technische Universität Wien, den Österreichischen Rechtsanwaltskammertag und die Wiener Rechtsanwaltskammer. Im Juli nun schloss er die erste Runde seines Accelerator-Programms ab. Ziel war es, Juristen und Entwickler zusammenzubringen und so neuartige Entwicklungen voranzutreiben.

Schottische Prozessspezialisten erfolgreich

Den Preis der Jury, dotiert mit 15.000 Euro, gewann das schottische Start-up Miso. Für den Co-Gründer und Litigator Peter Milligan (53) ein unerwarteter Erfolg, weil bis zum Markteintritt noch ein paar Monate an Vorbereitungsmaßnahmen anstehen. Der Publikumspreis ging an Contractbook aus Dänemark.

Das LTHV-Programm bot dem 2014 gegründeten Unternehmen Miso die Chance, seine Software an den Ansprüchen von Juristen außerhalb Großbritanniens zu messen. Milligan kennt die Abläufe und den aufwendigen Vorbereitungsbedarf der Prozessführung aus seiner Zeit bei der schottischen Rechtsanwaltskanzlei Compass Chambers bestens: „Ich weiß aus über 20 Jahren eigener Erfahrung, wo es schmerzt.“ In der Vorbereitung etwa lasse sich erheblich Zeit sparen, das gelte für Schottland wie für andere Länder. Miso führt zu diesem Zweck sämtliche Dokumente, Daten und sonstige Informationen für einen gerichtlichen Prozess über seine Software zusammen und setzt diese in einen logischen Kontext. Das LTHV-Programm schätzte er vor allem, weil er mit österreichischen Anwälten Erfahrungen austauschen konnte: „Deshalb sind wir heute besser als zuvor“, sagt Milligan.

Bessere Abläufe sind für viele Kanzleien ein Hauptgrund, warum sie Legal-Tech-Lösungen in den Blick nehmen: Sie wollen die Beratung beschleunigen und verbessern. Gänzlich neue Beratungsangebote spielen dagegen in Österreich eine eher untergeordnete Rolle. Da ist die Fantasie in Deutschland größer. (Raphael Arnold)

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