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04.08.2020

Vor der Welle: Die coronabedingten Krisen in den Unternehmen kommen erst noch

Mit Verbindlichkeiten von 12,3 Millionen Euro ist die Pleite der Fluglinie Level Europe eine der 20 ­größten im ersten Halbjahr 2020. Und eine der wenigen Großpleiten, die ursächlich auf die vorbeugenden Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zurückgeht. Das zeigt ein Marktüberblick des Kreditschutzverbands von 1870 (KSV).

Insgesamt wartete der KSV Anfang Juli mit trügerischen Zahlen für das erste Halbjahr auf: ein Viertel weniger Firmenpleiten als 2019, gar 28 Prozent weniger bei den eröffneten Insolvenzen. Dagegen ein Plus von 86 Prozent bei den Verbindlichkeiten, die sich auf über 1,6 Milliarden Euro beliefen.

Der sprunghafte Anstieg der Verbindlichkeiten rührt vor allem von Eigenanträgen der Unternehmen her, die in den meisten Fällen wenig bis nichts mit dem pandemiebedingten Konjunktureinbruch zu tun haben. Die Pleiten von Anglo Austrian AAB Bank, Kremsmüller, Odebrecht, Hubert Palfinger Technologies und der Schilling-Gruppe sind davon völlig unabhängig, häuften aber zusammen Außenstände von über 635 Millionen Euro auf. 

Elke Napokoj

Elke Napokoj

Die Großinsolvenzen von Vapiano und der Vorarlberger Textilgruppe Huber haben zumindest mittelbar mit den Folgen der Corona-Pandemie zu tun. Beide steckten aber schon zuvor in Umstrukturierungen, die Schließung ihrer Restaurants und Geschäfte zwang sie dann in die Knie. Eine ganz direkte Folge hingegen ist die Pleite der Fluglinie Level Europe. Deren Flugbetrieb stand seit März still, im Juni schickte der Mutterkonzern IAG das Unternehmen mit 200 Mitarbeitern in Wien und 40 in Amsterdam dann in die Insolvenz. Die bpv Hügel-Partnerin Dr. Elke Napokoj hob Level Europe vor wenigen Jahren mit aus der Taufe, nun ist ihre Kanzlei im Insolvenzverfahren als Schuldnervertreterin tätig. 

Finanz und Gesundheitskassen als Ursache

Für die M&A- und Gesellschaftsrechtlerin ist klar: Die Zahl der Insolvenzfälle ging im ersten Halbjahr vor allem deshalb zurück, weil die Finanz und die Gesundheitskassen derzeit keine Anträge stellen. Denn sie sind die Hauptantragsteller bei einer Vielzahl von kleineren Pleiten. Darauf weist auch der KSV hin. 

Außerdem erlauben es die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung in Wien, nötige Anträge auf Insolvenz zumindest bei Überschuldung hinauszuzögern – eventuell bis zum Ende des Jahres. Der KSV läutete deshalb Anfang Juli die Alarmglocken: „Je länger in finanzielle Schieflage geratene Unternehmen künstlich am Leben erhalten werden, desto größer wird der gesamte volkswirtschaftliche Schaden sein“, warnte der Leiter Insolvenz des Verbandes, Karl-Heinz Götze. 

Michael Lentsch

Michael Lentsch

Bugwelle an Forderungen

Auch Dr. Michael Lentsch von Kosch & Partner sieht es als Problem, dass verlängerte Fristen und Stundungen den Grad der Überschuldung in die Höhe treiben. ­Bereits jetzt sei bei manchen Unternehmen die Auszahlung des Urlaubsgelds schwierig, mit dem Weihnachtsgeld werde sich das verschärfen. „Das gilt erst recht, wenn ausstehende Forderungen fällig werden, die Unternehmen derzeit wie eine Bugwelle vor sich herschieben“, warnt der Insolvenz- und Sanierungsspezialist: „Da könnte ein Insolvenz­desaster kommen, und die Politik wird nicht zuschauen können.“ 

Die Gläubigerschützer von der Creditreform rechnen bei Firmeninsolvenzen bereits mit einem Plus von mindestens zehn Prozent. Das werde die untere Kante sein, so deren Geschäftsführer Gerhard Weinhofer. 

Ob sich Aufkäufer für Unternehmen interessieren, die in eine Schieflage geraten, wird stark von der Branche abhängen. Lentsch hält die Aussichten im Tourismus oder in der Luftfahrt für eher mau. Insbesondere dort hat er einen guten Einblick, weil ihn das Landesgericht Korneuburg im Juni zum Masseverwalter bei Level Europe bestellte. Schuldnervertreterin Napokoj geht dennoch davon aus, dass strategisch ausgerichtete Investoren einzelne Sektoren unter die Lupe nehmen und auf Gelegenheiten warten, um krisengeschüttelte Betriebe aufzukaufen. (Raphael Arnold)

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