Artikel drucken
22.09.2020

Wirecard: Aigner Lehner Zuschin reicht erste Schadenersatzklage gegen Ex-CEO ein

Die Talfahrt von Wirecard war nicht mehr zu stoppen, seit KPMG im Frühsommer 2020 ihren Prüfbericht veröffentlichte. Darin warfen die Wirtschaftsprüfer dem Zahlungsdienstleister Bilanzmanipulation vor. Im August ging nun in Österreich die erste Schadensersatzklage an das Bezirksgericht Kitzbühel. Sie richtet sich gegen den früheren CEO Markus Braun.

Roman Taudes

Roman Taudes

Außer dem Skandal ist von Wirecard wenig übrig. Mehr als eineinhalb Jahre standen Zweifel am Geschäftsmodell des Zahlungsdienstleisters im Raum. Inzwischen ist klar: In der Bilanz sind 1,9 Milliarden Euro erfunden. Womöglich ging der Konzern soweit, für Videokonferenzen Schauspieler als Bankangestellte in nachgebauten Filialen in Szene zu setzen, um den Betrug plausibel erscheinen zu lassen. Das vermuten jedenfalls die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young, die selbst in dem Strudel stecken.

Der Zusammenbruch des einstigen Dax-Konzerns zieht jedoch auch Kreise in die Finanzaufsicht und die Politik. Auf Initiative der EU-Kommission prüft die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) das Vorgehen der deutschen Aufseher, darunter der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin); ein Bericht soll bis 30. Oktober vorliegen. Unter anderem sind sich Bund und Länder im Nachbarland uneins, wer für die Kontrolle des Zahlungsdienstleisters zuständig war. Zudem gerät das deutsche Bundesfinanzministerium politisch unter Druck, weil es wichtige Informationen zurückhalte. Die EU-Kommission erwägt aber auch, die Regeln für Wirtschaftsprüfer zu verschärfen.

Die Staatsanwaltschaft München I wirft der Führungsriege des Konzerns vor, seit 2015 die Bilanzen manipuliert zu haben. Erste Wellen schlägt dieser Betrugsfall nun auch in Österreich: Seit 3. Juni ist die Grazer Wirecard-Tochter insolvent; dort bündelte der untergegangene Dax-Konzern unter anderem seine Osteuropa-Aktivitäten. Inzwischen folgte die erste Schadenersatzklage gegen den früheren Wirecard-Chef Markus Braun mit Wohnsitz in Kitzbühel. Sie stammt von der Kanzlei Aigner Lehner Zuschin & Partner und bezieht sich bislang auf die Kursverluste mit Aktien des Unternehmens.

Aktuell prüft die Kanzlei weitere Ansprüche, etwa gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young sowie gegen die österreichischen Banken, die Wirecard anfänglich Kredite gewährten, jene später verweigerten – und dennoch ihren Kunden die Aktien des Zahlungsdienstleisters empfahlen. Zu den Kreditgebern des Zahlungsdienstleisters zählen die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien mit rund 60 Millionen Euro und die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich mit rund 45 Millionen.

Die Fehler im Blick

In Deutschland arbeitet Aigner Lehner Zuschin mit der Anlegerkanzlei Rotter Rechtsanwälte zusammen, da sich jene bereits seit einigen Monaten mit den Fehlern der Geschäftsführung von Wirecard auseinandersetzt. Einzelne Mandanten von Aigner Lehner Zuschin werden sich dem Kapitalanleger-Musterverfahren (KapMug) anschließen. Die deutsche Kanzlei Tilp etwa weitete zuletzt ihr KapMug-Verfahren gegen Wirecard aus: Vor dem Landgericht München I verklagte Tilp die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young, den Ex-Vorstandschef Braun, den Ex-COO Jan Marsalek und den amtierenden CFO wegen vorsätzlichen Bilanzfälschungsdelikten auf Schadensersatz.

Ulla Reisch

Ulla Reisch

In Österreich löste die Insolvenz weitere Reaktionen aus: Die Sammelklage-Plattform Cobin Claims zeigte Wirecard Central Eastern Europe bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft an, weil sie die Richtigkeit des Jahresabschlusses 2019 anzweifelt. Und die für Sammelklagen bekannte Wiener Kanzlei von Eric Breiteneder betreibt seit kurzem eine Webseite, auf der sich Privatanleger für eine Sammelintervention gegen den früheren Wirecard-CEO Braun registrieren können. Die Kanzlei stritt bereits für Geschädigte in Sachen Meinl European Land, Volkswagen und Alpine.

Ausverkauf

Derweil zerfällt der einstige Börsenaufsteiger in seine Einzelteile: Das sechsköpfige Technologieteam von Wirecard wechselte im August zu dem Berliner FinTech Finleap. Wenige Tage zuvor kaufte die in New York börsengelistete PagSeguro aus São Paulo die brasilianische Tochter von Wirecard. 

Auch der Verkauf der Tochtergesellschaft Wirecard North America ist weit fortgeschritten. Die britische Tochter der Wirecard, die Wirecard Card Solutions, hat mit der Londoner Railsbank eine Grundsatzvereinbarung zum Verkauf bestimmter Kundenbeziehungen und weiterer Vermögensgegenstände erzielt. Wirecard Card Solutions ist bei Prepaid-Karten und im elektronischen Zahlungsverkehr tätig. Für das Kerngeschäft der Wirecard gingen die Verhandlungen mit potenziellen Investoren in die nächste Phase. Am 18. November findet die erste Gläubigerversammlung statt.

Um eine Fortführung des Geschäftsbetriebes überhaupt möglich zu machen und die Option einer Verwertung des Kerngeschäfts der Wirecard aufrecht zu erhalten, seien tiefgreifende Einschnitte erforderlich, teilte der Insolvenzverwalter der Wirecard AG, Jaffé, mit. Es müssten für rund 730 Mitarbeiter – darunter die verbliebenen Vorstände – Kündigungen ausgesprochen sowie Immobilienmiet- und Leasingverträge gekündigt werden. Rund 570 Arbeitnehmer, davon rund 350 in den insolventen Gesellschaften und rund 220 in der nicht insolventen Wirecard Bank, könnten jedoch am Standort Aschheim weiter beschäftigt bleiben. (Esra Laubach)

Insolvenzverfahren Wirecard Central Eastern Europe (Gz. 27 S 36/20a)

Masseverwalterin
Urbanek Lind Schmied Reisch
(Wien): Dr. Ulla Reisch

Besonderer Verwalter für die Angelegenheiten der Dienstnehmer und für die Prozesse
Ortner (Graz): Herbert Ortner

Besonderer Verwalter zur Prüfung einer Haftung der TPA Wirtschaftsprüfung
Kaan Cronenberg (Graz): Philipp Casper

Philipp Gamauf

Philipp Gamauf

Schuldnervertreter Wirecard CEE
Schima Mayer Starlinger (Wien): Prof. Dr. Georg Schima, Markus Dax, Philipp Gamauf 

Vertreter Wirecared-Anleger
Aigner Lehner Zuschin + Partner (Wien): Lukas Aigner; Roman Taudes (Anlegerschutz- u. Kapitalmarktrecht)
Breiteneder (Wien): Eric Breiteneder (Banken- u. Kapitalmarktrecht)

 

Deutsche Berater

Insolvenzverfahren Wirecard AG (Az. 1542 IN 1308/20)

Insolvenzverwalter
Jaffé (München): Dr. Michael Jaffé

Berater Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé
Jaffé (München): Dr. Michael Schuster (Federführung; Insolvenzrecht), Dr. Lothar Czaja (Bank- und Finanzrecht); Associates: Dominik Wißkirchen, Madeleine Schinabeck (beide Arbeitsrecht)

Berater Wirecard
Noerr (Frankfurt): Dr. Holger Alfes (Bank- und Finanzrecht), Prof. Dr. Christian Pleister, Dr. Florian Becker, Sebastian Diehl (London), Dr. Till Kosche (alle Corporate/M&A), Dr. Sascha Leske (Kapitalmarktrecht; New York), Dr. Julian Schulze de la Cruz, Dr. Alexander Schilling (beide Bank- und Finanzrecht); Dr. Thomas Hoffmann, Simone Schönen (Hamburg), Dr. Björn Grotebrune, Dr. Dorothee Prosteder (beide München); Associate: Dr. Andrea Braun (alle Insolvenzrecht)
Gleiss Lutz (Stuttgart): Dr. Eike Bicker (Compliance), Dr. Michael Arnold; Associate: Marcus Reischl (beide Corporate; beide Frankfurt)
Luther (München): Dr. André Große-Vorholt (Strafrecht)
Gibson Dunn & Crutcher (München): Dr. Ferdinand Fromholzer (Kapitalmarktrecht)
Mattos Filho (São Paulo): Marcelo Sampaio Ricupero (Corporate/M&A)
MacFarlanes (London): Andrew Henderson (Bankaufsichtsrecht), Jat Bains (Corporate/M&A), Simon Beale (Insolvenzrecht)
Ropes & Gray (New York): Matt Jacobson, Bob Rivollier (beide Corporate/M&A)
Inhouse Recht (Aschheim): Andrea Görres (General Counsel), Christoph Küster

Berater Wirecard UK
Osborne Clarke (London): Mark Wesker (Corporate/M&A)

Berater Railsbank
Röhrborn (München): Jens Röhrborn (Corporate/M&A)
Orrick Herrington & Sutcliffe (London): Katie Cotton (Corporate/M&A)

Berater PagSeguro Digital
Pinheiro Neto (São Paulo): Fernando Gomes (Corporate/M&A)
Hengeler Mueller (Frankfurt): Dr. Frank Burmeister, Dr. Lucina Berger (beide Corporate/M&A)

Vertreter Markus Braun
Dierlamm (Wiesbaden): Prof. Dr. Alfred Dierlamm; Associate: Sarah Moritz (beide Wirtschaftsstrafrecht)
Witting Contzen & Kollegen (München): Nico Werning (Wirtschaftsstrafrecht)
Kliemt (Frankfurt): Prof. Dr. Michael Kliemt (Arbeitsrecht)
Schmitz & Partner (Frankfurt): Dr. Bernd- Wilhelm Schmitz (Konfliktlösung)
Nesselhauf (Hamburg): Dr. Stephanie Vendt (Presserecht)

Vertreter CFO Alexander von Knoop
Krause & Kollegen (Berlin): Dr. Daniel Krause (Wirtschaftsstrafrecht) 

Vertreter Ex-CFO Burkard Ley
Grub Brugger (München): Dr. Norbert Scharf, Dr. Andreas Weitzell (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter ehemaliger Accounting-Chef E.
Stetter (München): Dr. Sabine Stetter; Associate: Stephanie Kamp (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Jan Marsalek
Eckstein & Kollegen (München): Frank Eckstein, Dr. Matthias Dominok (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Chief Product Officer Susanne Steidl
Michalke Rosskopf (München): Dr. Annette Rosskopf (Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Nahost-Geschäftsführer Card-Systems Middle East B.
Frühsorger Mühlberger (München): Dr. Nicolas Frühsorger (Wirtschaftsstrafrecht)
Dr. Eder & Coll. (Freilassing): Prof. Dr. Florian Eder (Wirtschaftsstrafrecht)

Berater EY
Wirsing Hass Zoller (München): Dr. Michael Zoller; Associates: Yvonne Green, Frank Wegmann (alle Bank- und Kapitalmarktrecht)
Knierim & Kollegen (Mainz): Thomas Knierim, Dr. Christian Rathgeber, Dr. Manuel Lorenz, Dr. Anna Oehmichen, Simone Breit (alle Wirtschaftsstrafrecht)
Allen & Overy: Dr. Marc Zimmerling (Konfliktlösung; Frankfurt), Dr. Astrid Krüger (Corporate; München)

Vertreter Wirecard­-Anleger
Tilp (Kirchentellinsfurt): Marvin Kewe (Bank- u. Kapitalmarktrecht); Axel Wegner (Kapitalmarkt- u. Kapitalanlegerrecht)

Staatsanwaltschaft München I
Hildegard Bäumler-Hösl, Matthias Bühring (Oberstaatsanwälte)

  • Teilen