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14.01.2021

Neue Bank: Wüstenrot hat mit Binder Grösswang Lizenz beantragt

Die Wüstenrot-Gruppe wird ihr Geschäft in Österreich um Bankprodukte erweitern. Dazu gründet das Institut mit Sitz in Salzburg eine eigene Bank, die zugehörige Projektgesellschaft firmiert als Wüstenrot & You. Sie soll unter anderem Girokonten, internetfähige Debit- und Kreditkarten sowie Sparprodukte anbieten. Die Lizenz hat Wüstenrot Ende 2020 beantragt.

Stephan Heckenthaler

Stephan Heckenthaler

Die neue Bank soll zum 1. April 2022 ihren Betrieb aufnehmen und rund 40 Mitarbeiter beschäftigen. Dabei soll sie völlig ohne Filialen auskommen. Stattdessen setzt die Gruppe auf ein gemischtes Vertriebsmodell, das aus Onlinediensten und den bestehenden Finanzberatern in der Versicherungs- und Bausparsparte besteht. Wüstenrot rechnet nach zehn Jahren mit 160.000 bis 200.000 Kunden, ein positives Ergebnis sei im dritten Jahr der Geschäftstätigkeit zu erwarten.

„Wir wollen für unsere Kunden ein echter Allfinanzdienstleister sein“, sagte Wüstenrot-Chefin Susanne Riess. Bislang kann das Finanzinstitut über die Bausparkasse lediglich Bauspardarlehen bis zur Höchstbeitragsgrenze von 200.000 Euro pro Kunde anbieten; bei unbesicherten Darlehen liegt die Grenze bei 30.000 Euro. Bei Wohnraumfinanzierungen wird die Gruppe also flexibler. Zu einem späteren Zeitpunkt könnten auch Wertpapierdepots zum Angebot gehören. Für Verbraucherkredite will die Bank mit anderen Häusern zusammenarbeiten.

Für das Geschäftsjahr 2020 erwartet Wüstenrot bei Wohnraumfinanzierungen ein Plus von 15 Prozent. 2019 lagen die Finanzierungsleistungen bei knapp 742 Millionen Euro. Der Marktanteil am Bausparbestand betrug 27,5 Prozent. Im Versicherungsgeschäft lagen die verrechneten Prämien 2019 bei knapp 446 Millionen Euro. Davon entfielen 55 Prozent auf die Sparte Leben, 43 Prozent auf den Bereich Schaden/Unfall. Die Bilanzsumme der Wüstenrot-Gruppe lag 2019 bei insgesamt 11,8 Milliarden Euro, der Gewinn (EGT) bei 51,1 Millionen Euro. Die Zahl der Beschäftigten betrug 2.336.

Berater Wüstenrot
Inhouse Recht (Salzburg): David Sperlich (Head of Regulatory Office & Compliance), Maria Maier (Juristin)
Binder Grösswang (Wien): Dr. Stephan Heckenthaler (Federführung), Dr. Stefan Frank; Associate: Andreas Perkonig (Rechtsanwaltsanwärter; alle Bank- und Finanzrecht)

Hintergrund: Heckenthaler berät mit der Gründung der Wüstenrot & You innerhalb der vergangenen zwölf Monate den zweiten Linzenzantrag. Zuvor war er für die Österreichische Post bei der Gründung der Bank99 im Frühjahr 2020 mandatiert. Dieser Bankgründung ging der Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung an der Brüll Kallmus Bank voraus, während Wüstenrot die Bank völlig neu aufbaut. Damit hat sich das Team Erfahrung und Know-how erarbeitet, das kaum ein Wettbewerber vorweist, denn solche Verfahren sind selten. 2019 zählte die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) in ihrem Jahresbericht kein einziges Konzessions- und Registrierungsverfahren für eine Bank.

Binder Grösswang vertritt Wüstenrot auch gegenüber der Europäischen Zentralbank. Die Aufsichtsbehörde in Frankfurt entscheidet über die Lizenz in Zusammenarbeit mit der FMA und der Österreichischen Nationalbank.

Die Kanzlei beriet die Anteilseigner, darunter Wüstenrot, im Herbst und Winter 2020 auch beim Verkauf des Asset-Managers IQAM Invest an die deutsche Dekabank. Über ihren Versicherungsarm war Wüstenrot zu gut 25 Prozent an der Fondsgesellschaft beteiligt. Öffentlich bekannt ist, dass auch die Salzburger Kanzlei Raits Bleiziffer häufig für die Gruppe tätig ist.

Als Inhouse-Jurist ist bei Wüstenrot David Sperlich für den Start der Wüstenrot & You zuständig. Er leitet seit Februar 2020 die Bereiche Aufsichtsrecht, Projekte und Compliance bei der Gruppe. Zuvor war er über zehn Jahre bei der Bawag, zuletzt als ‚Head of Markets Compliance′. Von der Bawag kam auch Wolfgang Hanzl, der seit Juli 2020 Vorstand der Wüstenrot & You ist. Er war bei der Bawag zuletzt ‚Chief Information Officer′. (Raphael Arnold)

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