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16.05.2012

Telekom-Musterprozess: Kleinanleger gehen leer aus und ziehen mit Tilp vor den BGH

Der Musterprozess von Aktionären der Deutschen Telekom geht in die nächste Runde. Das OLG Frankfurt entschied heute zugunsten der beklagten Telekom und des Bundes (Az. 23 Kap 1/06). Der Börsenverkaufsprospekt aus dem Jahr 2000 enthielt keine gravierenden Fehler, so die Richter. Die Anleger erhalten damit im größten deutschen Anlegerprozess der Geschichte keinen Schadensersatz. Der Musterkläger, ein Kleinaktionär, kündigte umgehend an, vor den BGH zu ziehen.

Andreas Tilp

Andreas Tilp

Der Kläger steht stellvertretend für rund 17.000 Anleger, die im Rahmen des Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetzes (KapMuG) Ansprüche gegen den Bonner Konzern und den Bund als Haupteigner geltend machen. Die Anleger werfen der Telekom vor, unter der Führung des damaligen Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer den Aktienkurs beim zweiten und dritten Börsengang in den Jahren 1999 und 2000 in die Höhe getrieben zu haben.

Die Aktionäre seien vor allem hinsichtlich der wahren Wertes von Telekom-Immobilien getäuscht worden. Zudem sei der geplante Kauf des US-Wettbewerbers Voicestream verheimlicht worden. Gut einen Monat nach der dritten Emission hatte die Telekom dann Voicestram für 40 Milliarden Euro erworben. Der Kauf erwies sich als Fehlinvestment. Der Kurs der Telekom-Aktie notierte in der Hochphase im Jahr 2000 bei über 100 Euro, inzwischen ist das Papier für weniger als 10 Euro zu haben.

Vertreter Musterkläger
Tilp (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp

Vertreter Deutsche Telekom
Schmitz & Partner (Frankfurt): Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz, Stefan Kleemann

Vertreter Bund
Salans (Frankfurt): Bernd Hanowski

OLG Frankfurt, 23. Zivilsenat
Birgitta Schier-Ammann (Vorsitzende Richterin)

Hintergrund: Der Prozess vor dem OLG Frankfurt hatte im Frühjahr 2008 begonnen (mehr…). Die Entscheidung hatte sich mehrfach hinausgezögert. Unter anderem wechselte der Vorsitz in den verschiedenen Instanzen mehrfach. Zunächst verantwortete Meinrad Wösthoff den Komplex vor der 7. Handelskammer am Landgericht Frankfurt. Dann führte Christian Dittrich im KapMuG-Sondersenat am Oberlandesgericht das Verfahren weiter, schied aber aus Altersgründen zum Jahresende 2009 aus. Aus dem Umfeld der Anwälte war seinerzeit mehrfach zu hören, dass dieser Umstand und die hohe Auslastung der Justiz gegen eine schnelle Entscheidung im Musterverfahren gesprochen haben. Denn das Verfahren wurde erst zum Jahresende 2010 unter der neuen Vorsitzenden Birgitta Schier-Ammann wieder aufgenommen.

Klägeranwalt Tilp ist bekannt für die Vertretung von Kapitalanlegern und hat sich in Fragen des KapMuG einen guten Ruf erarbeitet. Er ist auch in einigen anderen KapMuG-Verfahren tätig, unter anderem als Vertreter von Christian Wefers, dem Musterkläger im Prozess gegen die Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) (mehr…). Zudem ist er auf politischer Ebene als Sachverständiger im Finanzausschuss des Bundestages aktiv.

Bei den Vertretern auf Beklagtenseite gab es einige Veränderungen. So führen die Prozessrechtler Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz und Stefan Kleemann das Telekom-Mandat in ihrer mittlerweile dritten Kanzlei. Zum Prozessauftakt gehörten beide noch Clifford Chance an, von wo sie im Sommer 2004 zu Latham & Watkins wechselten (mehr…). Während ihrer Zeit dort entwickelten sich die Aktionärsklagen zum Musterverfahren weiter. Die Telekom vertraute dem Tandem schließlich auch weiter, als es sich im 2009 als Schmitz & Partner in Frankfurt selbstständig machte (mehr…).

Eine ähnliche Entwicklung gab es aufseiten des Bundes und der KfW. Der damalige Linklaters-Anwalt Matthias Haas nahm das Prozessmandat bei seinen späteren Kanzleiwechseln zu Aderhold (mehr…) und dann zu Salans (mehr…) mit. Das Mandat entwickelte sich zu einem der Umsatztreiber bei Salans und blieb in der Kanzlei, als Haas im Vorjahr die Leitung des Case Managements in der MAN-Complianceabteilung übernahm (mehr…). Seither verantwortet sein langjähriger Mitarbeiter Bernd Hanowski das Mandat.

Im allgemeinen war nach der langen Verfahrensdauer mit einer eindeutigeren Entscheidung gerechnet worden. Ohnehin befindet sich das dafür geschaffene Gesetz in einem Reformprozess. Erst vor Kurzem waren diverse Wirtschaftsanwälte, darunter Klägervertreter Tilp und auch Gleiss Lutz-Partner Wolf von Bernuth als Sachverständige im Deutschen Bundestag geladen worden. Nach der heutigen Entscheidung warten viele Anwälte umso mehr auf den Prozessauftakt im KapMuG-Verfahren gegen die Hypo Real Estate, der für diesen Sommer terminiert ist. Für die Beklagte tritt dort ein Team von Gleiss Lutz um von Bernuth auf, der Musterkläger wird wiederum von Tilp vertreten. (Marcus Jung, Volker Votsmeier)

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