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25.09.2013

Pechstein-Prozess: Nachmann-Partner fordert Millionensumme und rüttelt an Sportgerichtsbarkeit

In der millionenschweren Schadensersatzklage der fünfmaligen Eisschnellauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein wegen einer aus ihrer Sicht zu Unrecht verhängten Dopingsperre hat das Münchner Landgericht I heute einen Vergleich angeregt. Pechstein fordert vom Eisschnellauf-Weltverband ISU und der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) 3,5 Millionen Euro Schadensersatz und 400.000 Euro Schmerzensgeld.

Thomas Summerer

Die Wintersportathletin war 2009 wegen erhöhter Blutwerte von der ISU für zwei Jahre gesperrt worden. Die Richter des Internationalen Sportgerichtshofs CAS hatten die Sperre als letzte sportgerichtliche Instanz bestätigt. Pechstein macht für die erhöhten Werte eine ererbte Blutanomalie verantwortlich und weist dafür auch Gutachten vor.

Die ISU dagegen erklärte, dass die Blutanomalie in keinem Fall die ungewöhnlich hohen Werte erklären könne. Einen möglichen Vergleich, zu dem Pechstein in der vergangenen Wochen Bereitschaft signalisiert hatte, erklärte die ISU gestern für ausgeschlossen. Die Vorsitzende Richterin hingegen legte den Parteien heute bereits zum Verhandlungsauftakt nahe, intensiv über einen Vergleich nachzudenken. Der Prozess wurde auf den 29. Januar 2014 vertagt.

Der Streit ist auch über die Interpretation der Blutwerte hinaus sehr komplex. Es geht nämlich auch um die Frage, ob das Münchner Landgericht überhaupt zuständig ist. Bereits die Zulässigkeit des Gerichts werfe viele Fragen auf, so die Richterin. In München hat zwar die ebenfalls angegriffene DESG ihren Sitz. Bis dato ist aber der CAS die letzte Instanz für Sportler. Pechstein und ihre Anwälte werfen dem CAS indes fehlerhaftes Vorgehen vor.

Vertreter Claudia Pechstein
Nachmann (München): Dr. Thomas Summerer
Dr. Christian Krähe (Konstanz)
Schertz Bergmann (Berlin): Simon Bergmann

Vertreter ISU
Martens (München): Dr. Dirk-Reiner Martens

Vertreter DESG
Wüterich Breucker (Stuttgart): Dr. Marius Breucker

Landgericht München I, 37. Kammer
Petra Wittmann (Vorsitzende Richterin)

Hintergrund: Sollte sich das LG für zuständig erklären, wollen Pechsteins Anwälte grundsätzliche Aspekte aufwerfen, darunter der Ausschluss staatlicher Gerichte durch die Unterwerfung der Athleten unter die Sportschiedsgerichtsbarkeit – und zielen damit auf eine Revolution im Sportrecht ab. Denn sie greifen neben den finanziellen Forderungen auch den Sportgerichtshof CAS als Institution an, den sie für kein echtes Schiedsgericht halten, „weil er weit hinter den rechtsstaatlichen Standards deutscher Gerichte zurückstehe“, so Summerer.

Der Nachmann-Partner, der in seiner Karriere unter anderem die Rechtsabteilung der Deutschen Fußball-Liga aufbaute, gehört zu den angesehensten Sportrechtlern hierzulande und hat auch in größeren Schadensersatzprozessen bereits Erfahrung. So erstritt er für die frühere Leichtathletin Katrin Krabbe 1996 im Streit um eine Dopingsperre eine Millionensumme vom Leichtathletik-Weltverband. 

Zunächst stand Pechsteins langjähriger Berater Bergmann ihr im Streit mit der ISU zur Seite: Der Berliner ist vor allem für seine persönlichkeits- und presserechtliche Arbeit bekannt. Vor dem CAS mandatierte Pechstein dann zusätzlich den Konstanzer Anwalt Krähe. Erst im vergangenen Jahr kam Summerer dazu, der nun auch nach außen die federführende Rolle unter den Beratern übernommen hat.

Auf der Gegenseite steht mit Martens ein nicht minder bekannter und angesehener Sportrechtler. Seit Langem ist der Münchner insbesondere für seine Erfahrung in streitigen Auseinandersetzungen bekannt. Er war an mehr als 100 Verfahren vor dem CAS beteiligt, zumeist als Schiedsrichter und auch als einziger Deutscher mehrfach vor dem Ad-hoc-Schiedsgericht während der Olympischen Spiele dabei.

Der Stuttgarter Anwalt Breucker vertritt die DESG schon seit Jahren und äußerte schon vor längerer Zeit deutliche Kritik am Vorgehen des Weltverbands ISU, dessen Sperre die DESG auf nationaler Seite durchsetzte. Die ISU sei beim Indizienbeweis gegen Pechstein nicht allen möglichen Ursachen nachgegangen. (René Bender)

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