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16.03.2015

Feuer in Textilfabrik: Pakistanische Opfer verklagen Kik in Deutschland mit Geulen & Klinger

Opfer und Hinterbliebene eines Feuers in einer pakistanischen Textilfabrik haben vor dem Landgericht Dortmund Klage gegen den Textildiscounter Kik eingereicht. Es ist das erste Mal, dass Arbeiter eines asiatischen Zulieferers gegen einen deutschen Konzern vor ein hiesiges Gericht ziehen. Jedes der vier klagenden Opfer verlangt 30.000 Euro Schmerzensgeld von der Tengelmann-Tochter.

Remo Klinger

Remo Klinger

Die Kläger sind Überlebende und Hinterbliebene des Brandes, der 2012 in der Fabrik Ali Enterprises in Karachi ausbrach. Es war der schwerste Industrieunfall in der Geschichte Pakistans, 260 Menschen starben. Mit der Klage soll festgestellt werden, dass Kik eine grundsätzliche Sorgfaltspflicht gegenüber den Mitarbeitern trug. Ein wesentliches Argument ist, dass die Fabrik ausschließlich für Kik produzierte und der Discounter die Lieferbedingungen bestimmte. So seien die beiden Unternehmen nicht als komplett losgelöst voneinander zu betrachten. Ali Enterprises hatte zu 75 Prozent für Kik produziert, so gibt der Discounter an.

Ob Kik eine solche Sorgfaltspflicht verletzt hat, ist vor dem LG Dortmund aufgrund der sogenannten EU-Verordnung Rom II nach pakistanischem Recht zu klären. Deswegen holten die Kläger schon das Gutachten eines pakistanischen Juristen ein, der gröbste Verletzungen sieht. Es hätte mit einem einzigen Besuch festgestellt werden können, dass die Fenster vergittert waren und es im Falle es Brandes kaum ein Entkommen gab. Einer der heutigen Kläger rettete sich, indem er eine Lüftungsvorrichtung aus der Wand riss und heraussprang. Kik verteidigt sich mit dem Verweis, dass es sich laut pakistanischen Ermittlern um Brandstiftung handelte und Notausgänge offenbar von außen verschlossen worden waren. Der Fabrikeigentümer soll sich geweigert haben, Schutzgelder zu bezahlen.

Die vier Kläger wurden von den 156 Opferfamilien für die Klage ausgewählt. Sie fordern auch Schmerzensgeld für Hinterbliebene, das ihnen nach pakistanischem Recht zusteht. Kurz vor der Klage waren monatelange Verhandlungen zwischen Kik und den Opferfamilien gescheitert. Ein halbes Jahr nach dem Brand hatte das Unternehmen schon eine Million US-Dollar an Hilfe zur Verfügung gestellt, was Menschenrechtler allerdings als zu gering erachteten. Die Opfer erhielten zudem Leistungen vom pakistanischen Staat.

Vertreter pakistanische Opfer
Geulen & Klinger (Berlin): Dr. Remo Klinger

Vertreter Kik: Nicht bekannt

LG Dortmund

Hintergrund: Die Berliner Kanzlei Geulen & Klinger unterhält hervorragende Verbindungen zu Umweltschutzverbänden und Menschenrechtsorganisationen. Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und Medico international unterstützen die Klage gegen Kik. Vor einigen Jahren waren Klinger und sein Kanzleipartner Reiner Geulen für die afghanischen Opfer des Bombenangriffs in Kunduz tätig geworden, die später in einem Staatshaftungsverfahren gegen das Bundesverteidigungsministerium vorgingen.

Kik wartet mit der Mandatierung von Anwälten noch ab, weil das Gericht erst in den kommenden Wochen die Zulässigkeit der Klage prüft. In den vorausgegangenen Verhandlungen mit den Pakistanern stand Kik JUVE-Recherchen zufolge der Düsseldorfer Anwalt Joachim Jütte-Overmeyer sowie Preu Bohlig & Partner zur Seite. Jütte-Overmeyer arbeitete bis Anfang 2013 beim Modekonzern S. Oliver in verantwortlicher Position für Themen der Nachhaltigkeit. (Parissa Kerkhoff)

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