Artikel drucken
24.07.2015

Klage von Arcandor-Insolvenzverwalter: KPMG und BDO wehren sich mit A&O und Bock Legal

Der Insolvenzverwalter von Arcandor, Görg-Partner Hans-Gerd Jauch, erhebt schwere Vorwürfe gegen ehemalige Berater des insolventen Handels- und Touristikkonzerns: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften KPMG und BDO sollen nicht auf eine bereits bestehende Zahlungsunfähigkeit von Arcandor hingewiesen haben. Jauch fordert insgesamt rund 98 Millionen Euro Schadensersatz von ihnen.

Hans-Gerd Jauch

Hans-Gerd Jauch

Die Klagen vor den Landgerichten in Frankfurt und Düsseldorf hat der Insolvenzverwalter bereits Ende 2014 eingereicht, sie wurden aber erst jetzt durch die Berichterstattung von WDR und Süddeutscher Zeitung bekannt.

Von KPMG, die damals als Sanierungsberater agierte, fordert Jauch insgesamt 85 Millionen Euro. Von BDO, die als Wirtschaftsprüfer Jahres- und Quartalsabschlüsse testierte, will Jauch 12,4 Millionen Euro Schadensersatz. KPMG bescheinigte noch Ende 2008 Arcandor die Sanierungsfähigkeit. BDO bestätigte die Bilanzen uneingeschränkt. Im Juni 2009 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Jauch ist der Ansicht, dass die Insolvenzreife der Arcandor aber bereits im September 2008 offenkundig gewesen sei. Während sich KPMG nicht offiziell äußern wollte, hieß es seitens BDO, man halte an den uneingeschränkten Testaten von damals fest.

Den Schaden berechnet der Insolvenzverwalter anhand der Verluste, die durch die Verzögerung der Insolvenz um mehrere Monate zusätzlich entstanden seien. Nach seiner Darstellung sei damals bereits die Finanzlage prekär gewesen, zudem meldeten zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Konzerntöchter Verlustausgleichsansprüche in Höhe von 377 Millionen Euro an. Für eine Sanierung habe es in diesem Szenario  keine „realistische Chance auf eine außergerichtliche Sanierung“ mehr gegeben, so Jauch.

Die interessante Frage dürfte nun sein, ob die Gutachten der Wirtschaftsprüfer fehlerhaft waren – oder ob sie selbst mit Falschinformationen versorgt worden sind.

Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt seit längerem gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff und sechs weitere ehemalige Arcandor-Topmanager wegen des Verdachts von Bankrottdelikten. Geprüft wird dabei auch, ob das damalige Management möglicherweise die Vermögensverhältnisse des Konzerns in einem der Jahresabschlüsse unzutreffend dargestellt hat.

Arcandor ist das größte Insolvenzverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik. Von der Pleite betroffen waren bundesweit 43.000 Mitarbeiter der Kaufhaustochter Karstadt, der Versandhandelstochter Primondo und des Katalogversenders Quelle.

Vertreter Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch
Anchor (Stuttgart): Thomas Rieger

Vertreter BDO
Bock Legal (Frankfurt): Stefan Bank

Marc Zimmerling

Marc Zimmerling

Vertreter KPMG
Allen & Overy (Frankfurt): Dr. Marc Zimmerling

Hintergrund: Alle Berater sind aus dem Markt bekannt.

In anderen Verfahren des Insolvenzverwalters, etwa gegen ehemalige Vorstandsmitglieder von Arcandor, waren auch Partner von Görg, vor allem Dr. Michael Dolfen mandatiert. Da Görg als multidisziplinäre Kanzlei aber mit Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften wie KPMG täglich zu tun hat, dürfte sich die Kanzlei schwer tun, selbst gegen den Wettbewerber vorzugehen. Anchor-Partner Thomas Rieger war bis Herbst 2012 Associate im Essener Büro von Görg.

KPMG steht auch in einem weiteren prominenten Insolvenzfall im Kreuzfeuer. So verlangt Berthold Brinkmann (Brinkmann & Partner) als Insolvenzverwalter der P&S Werften ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag von den Wirtschaftsprüfern. A&O-Partner Zimmerling ist für seine Expertise in Beraterhaftungsfällen bekannt. Er beriet beispielsweise PricewaterhouseCoopers bei der Einigung mit dem Freistaat Sachsen bezüglich des Fast-Zusammenbruchs der landeseigenen SachsenLB, damals noch als Partner bei Hogan Lovells. Auch für KPMG war er bereits tätig, etwa im Flowtex-Skandal.

Auch Bock Legal-Partner Bank pflegt eine langjährige Mandatsbeziehung zu diversen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Kanzlei ist neben ihrem bekannten Schwerpunkt als Vertreterin von D&O-Versicherungen auch häufig für Geschäftsführer, Vorstände und Berater in Haftungsprozessen zu sehen. (Ulrike Barth)

  • Teilen