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08.10.2015

VW-Affäre: Kapitalanleger stellen sich mit Tilp, Kälberer und Quinn für Klagen auf

In Deutschland nehmen die Anlegerklagen im Zuge der VW-Affäre konkretere Formen an. Nachdem in der vergangen Woche bereits ein Aktionär mit Tilp vor dem Landgericht Braunschweig Klage einreichte, folgte nun ein weiterer Anleger, der mit Kälberer & Tittel gegen VW vorgeht. Beide Kanzleien zielen auf ein Kapitalanleger-Musterverfahren (KapMuG). Der Wert ihrer Aktien hat sich für die betroffenen Anleger seit dem Bekanntwerden der Diesel-Affäre fast halbiert.

Dietmar Kälberer

Dietmar Kälberer

Bei Kälberer betreuen Dietmar Kälberer, Mario Poberzin und Tim Kremer die Verfahren. Der Anleger fordert 157.000 Euro Schadensersatz von dem Autokonzern wegen erlittener Kursverluste mit VW-Aktien.

Andreas Tilp aus der gleichnamigen Kanzlei vertritt einen deutschen Aktionär, der rund 20.000 Euro Schaden geltend macht. Auch andere Anlegerkanzleien wie Nieding + Barth oder CLLB stellen sich derzeit für mögliche Klagen gegen VW auf. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) riet betroffenen Aktionären hingegen, mit einer Klage noch abzuwarten.

Inhaltlich geht es um den Vorwurf unterlassener Ad-hoc-Mitteilungen. VW hatte zugegeben, Abgaswerte in den USA mit einer verbotenen Software manipuliert zu haben. Dem Konzern drohen daher neben Klagen von Verbrauchern auch milliardenschwere Strafzahlungen.

Voraussetzung für das deutsche KapMuG-Verfahren sind mindestens zehn gleichgerichtete Klagen von Aktionären. Danach wird ein Musterkläger vom Gericht bestimmt, die Klage wird dann vor dem Oberlandesgericht Braunschweig verhandelt werden. Die Klägeranwälte erwarten schon jetzt, dass die Forderungen der Aktionäre in den Milliardenbereich gehen und der Fall VW der bislang größte in der Geschichte des KapMuGs wird.

Kernfrage für die Kläger ist, wann genau das Unternehmen seine Informationspflichten verletzt hat. Tilp setzt dazu den Zeitraum zwischen dem 06. Juni 2008 und 17. September 2015 an. Schadensersatzberechtigt seien sowohl Anleger, die die Aktien bis zum 17. September 2015 gehalten haben, wie auch solche, die sie bereits zuvor veräußert hatten. Tilp will neben Ansprüchen aus Paragraf 37b des Wertpapierhandelsgesetzes auch “deliktische Ansprüche unterschiedlicher Art” geltend machen.

Prozessfinanzierer Bentham arbeitet mit Quinn Emanuel zusammen

Die Kanzlei prüft aber auch, ob sie für Klagen institutioneller Investoren mit einem Prozessfinanzierer zusammenarbeiten wird. Diesen Weg geht beispielsweise bereits die US-Kanzlei Quinn Emanuel Urquart & Sullivan, die mit dem Prozessfinanzierer Bentham Europe zusammenarbeitet. Die Klage ist allerdings noch nicht eingereicht. Bei solchen Prozessen stecken Finanzierer meist Millionen in die Akquise von Klägern und sind später am Erfolg der Klage beteiligt. Hinter Bentham stehen die australischen IMF Bentham und von Elliott Management betreute Fonds. Sollte Quinn auch in Deutschland klagen, wird die Hamburger Partnerin Dr. Nadine Herrmann das Verfahren als KapMuG-Verfahren führen.

Markus Pfüller

Markus Pfüller

Tilp gilt in Deutschland als die versierteste Kanzlei für KapMuG-Verfahren. Den VW-Konzern hat sie bereits bei den Anlegerklagen gegen Porsche als Gegner. Dabei geht es die Frage, ob der Konzern die Aktionäre bei der versuchten Übernahme von VW richtig informiert hat. Auch dort versucht Tilp das Verfahren in Richtung KaMuG zu drehen. Quinn trat in diesem Komplex ebenfalls für Hedgefonds gegen Porsche auf, konnte sich aber mit ihrer kartellrechtlichen Argumentation nicht durchsetzen.

VW hat bezüglich der kapitalmarktrechtlichen Aufarbeitung des Skandals SZA Schilling Zutt & Anschütz mandatiert. Der Frankfurter Partner Markus Pfüller, der bis vor wenigen Monaten eine führende Rolle in der Kapitalmarktpraxis von Clifford Chance inne hatte, prüfte in einem Gutachten, ob VW die Kapitalmärkte rechtzeitig über die manipulierten Messwerte informiert hat. Zudem ist SZA für die Abwehr der Kapitalmarktklagen mandatiert.

Verbraucherklagen in den USA

In den USA ist Quinn auch in Verbraucherklagen aktiv und geht dort gemeinsam mit der spezialisierten Kanzlei Hagens Berman Sobol Shapiro gegen VW vor. Beide hatten nach eigenen Angaben schon vor Ende September betroffene VW-Käufer aus allen 50 US-Staaten hinter sich versammelt. Hagens Berman gilt als sehr aggressiv. Zuletzt wurde die Kanzlei in einem Pharmaverfahren von einem US-Gericht gerügt, das ihr vorwarf, offensichtlich unbegründete Klagen erhoben zu haben. Insgesamt sollen laut US-Medien inzwischen mehr als 200 Verbraucherklagen bei diversen US-Gerichten liegen. Mit einer Entscheidung über eine Konsolidierung dieser Klagen wird im Dezember gerechnet.

Laut US-Presseberichten soll auch Mayer Brown dort mit der Abwehr von Verbraucherklagen beauftragt sein. Die Kanzlei wollte sich auf JUVE-Nachfrage dazu nicht äußern. In Deutschland hat bislang nur die Bochumer Kanzlei Jordan Fuhr Meyer im Auftrag einer VW-Kundin geklagt. (Ulrike Barth)

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