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15.03.2016

Abgasskandal: Tilp reicht für Aktionäre Milliardenklage ein

Volkswagen sieht sich nun auch in Deutschland mit einer Milliardenklage konfrontiert: Ein Konsortium aus 278 institutionellen Anlegern hat beim Landgericht Braunschweig Klage gegen den Autobauer eingereicht (AZ 5 O 548/16). Es handelt sich dabei um Kapitalverwalter, Versicherungsgesellschaften und einen großen US-Pensionsfonds. Sie fordern von VW rund 3,3 Milliarden Euro für Kursverluste, die ihnen im Zusammenhang mit der Abgasaffäre entstanden sein sollen.

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Andreas Tilp

Der Klage hat sich auch die einflussreiche AGI, eine Tochter des Finanzkonzerns Allianz, angeschlossen hat. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters hält AGI 0,06 Prozent an VW und verwaltet ein Vermögen in Höhe von 427 Milliarden Euro. AGI und die übrigen Klageführer, darunter der Fondsverwalter Deka, werfen VW vor, vom 6.6.2008 bis 18.9.2015 gegen seine Informationspflichten verstoßen zu haben und zielen auf eine Klage nach dem Kapitalanleger-Musterverfahren (KapMug) ab.

Dass das Braunschweiger Gericht dem zustimmt, gilt inzwischen als sehr wahrscheinlich, da auch VW selbst Ende Februar die Einleitung eines solchen Verfahrens beantragt hat (AZ 5 O 2049/15). In der damit verbundenen, JUVE vorliegenden Klageerwiderung weist der Konzern eine verspätete Ad-hoc-Meldung vehement zurück: Erst Ende September 2015 hätten der Konzernleitung Informationen vorgelegen, dass VW nicht so glimpflich davonkäme, wie noch Anfang September vermutet. Und erst dadurch sei das Thema ad-hoc-pflichtig geworden.

Der Anlegeranwalt Andreas Tilp, der die Interessen des klagenden Konsortium vertritt, kündigte unterdessen bereits die nächste Milliardenklage von 20 weiteren Großinvestoren an. Sie fordern seinen Angaben zufolge deutlich mehr als eine Milliarde Euro Schadensersatz. In Braunschweig liegen bei der 5. Zivilkammer des Landgerichts – abgesehen von der jüngsten Klage – bereits 70 Klagen von meist privaten Anlegern vor. Sie fordern bis zu zwei Millionen Euro Schadensersatz.

Vertreter Klägerkonsortium
Tisab (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp

Vertreter Volkswagen
Göhmann (Braunschweig): Dr. Dirk Beddies
SZA Schilling Zutt & Anschütz (Frankfurt): Markus Pfüller

Landgericht Braunschweig, 5. Zivilkammer
Olaf Schaltke (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Zur Vorbereitung der Klagen haben sich hinter den Kulissen unterschiedlichste Allianzen gebildet: Hinter Tisab steht ein Konsortium aus dem Prozessfinanzierer Claims Funding Europe und den Kanzleien DRRT, Grant & Eisenhofer und Kessler Topaz Meltzer. Tisab bezeichnet sich als Schwesterkanzlei der Anlegerschutz-Boutique Tilp, die bereits im vergangenen Oktober die erste Klage in Braunschweig eingereicht hatte.

Eine Allianz gegen VW haben auch die Kanzleien Nieding & Barth und Müller Seidel Vos geschmiedet: Sie vertreten einen britischen Pensionsfonds und arbeiten dabei zusammen mit der US-Sozietät Robbins Geller Rudman & Dowd.

Die Kanzlei Kälberer & Tittel wiederum kooperiert mit HPG Prozessfinanzierung und berät viele Privatanleger. Weitere Klägervertreter in Braunschweig sind die Kanzleien KAP Rechtsanwälte und mzs Rechtsanwälte.

In den Startlöchern für eine Klage steht dem Vernehmen nach auch die LBBW-Tochter LBBW Asset Management Investmentgesellschaft. Nach JUVE-Informationen hat sie sich die Berliner Kanzlei Lindenpartners an die Seite geholt.

Hausfeld, die auch in den USA in die Sammelklage involviert ist, will in Deutschland zunächst den Schwerpunkt auf die Ansprüche von Flottenbetreibern und privaten Pkw-Besitzern legen. Eine Plattform, bei der sich Kunden registrieren können, ist in Arbeit.

Außerdem gibt es diverse Kanzleikonstrukte, die außergerichtlich mit VW zu einer Einigung kommen wollen: die ‚Stichting Volkswagen Investors Claim‘ beispielsweise strebt für Investoren einen Vergleich an. Dahinter stehen die deutsche Kanzlei Baum Reiter & Collegen, die US-Kanzlei Labaton Sucharow und die Wiener Kanzlei Breiteneder. ‚The Volkswagen Investor Settlement Foundation‘, die ähnliches versucht, wird von dem deuten Allen & Overy-Partner Wolf Bussian und einem Team aus Amsterdam beraten. Sie kooperiert mit der US-Kanzlei Bernstein Litowitz Berger & Grossmann. (Christiane Schiffer, Ulrike Barth)

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