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18.03.2016

Wölbern-Skandal: Bird & Bird klagt nun selbst auf Schadensersatz

Bird & Bird, im Streit um ihre Beratung des Fondshauses Wölbern mit einer Schadensersatzklage von über 100 Millionen Euro konfrontiert, macht  ihrerseits einen Schadensersatzanspruch geltend. Deshalb hat die Kanzlei jetzt Widerklage eingereicht. Scharf attackiert sie darin die rund 30 Fonds sowie den Insolvenzverwalter von Wölbern Invest, Tjark Thies aus der Kanzlei Reimer. Diese hatten Bird & Bird und drei ihrer Anwälte (zwei inzwischen ausgeschieden) wegen Pflichtverletzungen in der Wölbern-Beratung verklagt.

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Michael Weigel

Den Streitwert der Widerklage hat die britische Sozietät auf zunächst fünf Millionen Euro festgelegt. Ihre Forderung begründet Bird & Bird mit unwahren Behauptungen, die die Fonds und deren Umfeld nach Ansicht der Kanzlei verbreiten und ihr damit enormen Schaden zufügen.

Die Fonds hatten in ihrer Schadensersatzklage der Sozietät und deren Ex-Partnern Frank Moerchen und Thomas Demmel sowie dem aktuellen Counsel Dr. Ole Brühl vorgeworfen, durch ihre Beratung den Untreueskandal beim Fondshaus Wölbern erst ermöglicht zu haben. Dessen Ex-Chef Prof. Dr. Heinrich Schulte war im vergangenen Jahr wegen der Veruntreuung von knapp 150 Millionen Euro zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden, das Urteil ist inzwischen rechtskräftig.

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Christoph Froning

Die ihr gegenüber erhobenen Vorwürfe hatte Bird & Bird bereits in ihrer Erwiderung auf die Schadensersatzklage im vergangenen Herbst zurückgewiesen. Jetzt will sie sämtliche Schäden ersetzt bekommen, die ihr entstanden seien und noch entstünden durch die Vorwürfe, dass die Kanzlei beziehungsweise die Anwälte bei der Beratung des Fondshauses Wölbern Berufspflichten verletzt und vorsätzlich an Straftaten Schultes teilgenommen hätten.

Presse soll mit Informationen gefüttert worden sein

Bird & Bird greift in ihrer Widerklage die Fonds und den Investor Paribus, der einen Großteil des Ex-Wölbern-Fonds inzwischen übernommen hat, sowie den Insolvenzverwalter an. Aus diesem Kreis seien die Klageschrift gegen Bird & Bird und weitere Schriftsätze an die Presse weitergegeben geworden, unter anderem an ‚Manager Magazin‘, ‚Handelsblatt‘, ‚Frankfurter Allgemeine Zeitung‘ sowie an JUVE. Die Medien hätten dann in ihrer Berichterstattung unwahre Behauptungen aus den Schriftsätzen teils aufgenommen und weiter verbreitet. Dezidiert führt die Sozietät dabei diverse Meldungen auf. Dadurch sei Bird & Bird ein substanzieller Schaden entstanden, der sich laufend weiter vertiefe und dessen letztliche Höhe noch nicht abzusehen sei.

Entgangene Mandate verursachen siebenstelligen Schaden

Alleine von Umsatzeinbußen im siebenstelligen Euro-Bereich geht die Kanzlei aus, weil ihr durch üble Nachrede Mandate entgangen seien. Auch den Weggang eines Großteil des Hamburger Teams sieht Bird & Bird als Folge der negativen Presseberichterstattung. Die Kosten für die von dem Team verlassenen Kanzleiräume müsse die Kanzlei nun ebenfalls weiter tragen. Zudem führt sie Kosten für einen Krisen-Kommunikationsberater an, den sie mandatierte und der seit dem Sommer 2014 alleine bis heute über 60.000 Euro abgerechnet habe. Entsprechend dürfte der Streitwert die gegenwärtig veranschlagten fünf Millionen Euro wahrscheinlich noch übersteigen.

Unerwähnt lässt die Sozietät in ihrer Widerklage allerdings die Tatsache, dass schon die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift sowie im anschließenden Prozess die Rolle der Anwälte sehr kritisch hinterfragt hatte. Diese Vorwürfe lagen zeitlich eindeutig vor der Schadensersatzklage gegen die Kanzlei und waren offenbar überhaupt erst einer der Auslöser der Klage.

Vertreter Bird & Bird
Kaye Scholer ( Frankfurt): Dr. Michael Weigel

Vertreter Fonds/Insolvenzverwalter
Heuking Kühn Lüer Wojtek (Hamburg): Dr. Christoph Froning

Landgericht Hamburg, 27. Zivilkammer
Stephanie Zöllner (Vorsitzende Richterin)

Hintergrund: Die jeweiligen Parteivertreter sind seit gut einem Jahr unverändert. Zunächst hatte Bird & Bird die Sozietät Ince & Co. mit der Vertretung ihrer Interessen beauftragt, sich dann aber mit ihrem Berufshaftpflichtversicherer Travelers im März 2015 auf eine neue Abwehrstrategie verständigt. Seither verlässt sich die britische Kanzlei auf den bundesweit anerkannten Prozessexperten Dr. Michael Weigel.

Auf der Seite des Fonds, die Bird & Bird verklagt hatten und nun ihrerseits verklagt werden, kam der Kontakt zu Heuking und deren Partner Froning auf Empfehlung des Insolvenzverwalters Thies zustande. Darüber hinaus arbeitet auch das Emissionshaus Paribus, das hinter der Schadensersatzklage gegen Bird & Bird steht, seit Langem an verschiedenen Stellen mit Heuking zusammen.

Die drei Anwälte Moerchen, Demmel und Brühl haben in dem Schadensersatzprozess eigene Anwälte an ihrer Seite. Ince & Co begleitet dabei den damals für die Wölbern-Beratung federführenden Partner Frank Moerchen, Tanja Pfitzner von Pfitzner Legal berät Thomas Demmel und für Ole Brühl ist Dr. Antje Baumann tätig, Partnerin der Hamburger Kanzlei Corinius. (René Bender)

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Artikel am 22.07.2019 aus presserechtlichen Gründen aktualisiert.

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