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07.06.2016

Hoffnung zerstört: Claudia Pechstein und Nachmann-Partner scheitern vor BGH

Die mehrfache Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein hat heute abseits der Sportarena eine schwere Niederlage einstecken müssen. Der Bundesgerichtshof (BGH) erklärte ihre millionenschwere Schadensersatzklage gegen den Eisschnelllauf-Weltverband ISU vor deutschen Gerichten für unzulässig (KZR 6 /15).

Thomas Summerer

Thomas Summerer

Hätte der BGH in dem seit mehr als sieben Jahren andauernden Streit zugunsten Pechsteins geurteilt, wäre dies einer Revolution der Schiedsgerichtsbarkeit im Sport gleichgekommen. Sportler werden sich aber weiter ausschließlich den Sportschiedsgerichten unterwerfen müssen und können nicht wählen, ob sie vor die Sportgerichtsbarkeit oder ein nationales staatliches Zivilgericht ziehen. Pechstein will nun Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht einlegen und hatte im Vorfeld schon erklärt, zur Not vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

Ausgangspunkt des Falls war 2009 eine zweijährige Dopingsperre Pechsteins. Die ISU sperrte die fünfmalige Olympiasiegerin damals lediglich auf Basis ungewöhnlicher Blutwerte. Wissenschaftler bescheinigten Pechstein später eine vererbte Blutanomalie. Andere Experten wiederum bezweifelten, dass dies als Erklärung für die hohen Werte ausreiche. Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne als höchste sportrechtliche Instanz folgte schließlich dem Urteil der ISU und bestätigte die Sperre. Darauf entschied sich Pechstein für den Weg vor ein ordentliches Gericht und verklagte die ISU auf 4,4 Millionen Euro Schadensersatz, weil ihr durch die Sperre Preisgelder und Sponsoreneinnahmen entgangen waren und sie es ertragen musste, in der Öffentlichkeit als Doping-Betrügerin zu gelten.

Das Landgericht München wies die Klage zwar zurück und erkannte das CAS-Urteil an. Es stellte aber die Sportgerichtsbarkeit infrage (37 0 28331/12). Im nächsten Schritt zog Pechstein vor das OLG München (U 1110/14 Kart). Dies nahm ihre Schadensersatzklage an und erklärte die 2009 getroffene Schiedsvereinbarung Pechsteins mit dem Verband für unwirksam. Zudem erkannte es die vom CAS bestätigte zweijährige Sperre Pechsteins wegen Dopings nicht an. Das Urteil griff damit die bisherige Unantastbarkeit des CAS an und erschütterte die gesamte Sportgerichtsbarkeit in ihren Grundfesten.

Dirk-Reiner Martens

Dirk-Reiner Martens

Die ISU ging in Revision. Nach der BGH-Entscheidung wird das OLG-Urteil aufgehoben, der Fall nicht neu aufgerollt. Für Pechstein bedeutet dies auch ein finanzielles Desaster. Rund 750.000 Euro musste sie nach eigenen Angaben für Prozesskosten, ihre Anwälte und medizinische Gutachten aufbringen. Weil sie in den ersten Instanzen verlor, musste sie zudem die Anwaltskosten der Gegenseite übernehmen. Der Fortgang ihres rechtlichen Kampfes stand deshalb teils auf der Kippe. Nachdem die eigenen Reserven aufgebraucht waren, finanzierte sie den Kampf vor Gericht zuletzt über Spenden, so auch die fälligen 75.000 Euro für ihren BGH-Anwalt.

Vertreter Claudia Pechstein
Nachmann (München): Dr. Thomas Summerer
Dr. Christian Krähe (Konstanz)
Schertz Bergmann (Berlin): Simon Bergmann
Dr. Gottfried Hammer (Karlsruhe; BGH-Vertretung) 

Vertreter ISU
Martens (München): Dr. Dirk-Reiner Martens, Christian Keidel, Dr. Heiner Kahlert
Jordan + Hall (Karlsruhe): Reiner Hall (BGH-Vertretung)

Bundesgerichtshof Karlsruhe, Kartellsenat
Bettina Limperg (Vorsitzende Richterin)

Hintergrund: Nachmann-Partner Summerer, der in seiner Karriere unter anderem die Rechtsabteilung der Deutschen Fußball-Liga aufbaute, gehört zu den bekanntesten Sportrechtsexperten hierzulande und ist auch in größeren Schadensersatzprozessen erfahren. Im Streit mit der ISU stand Pechstein jedoch ihr langjähriger Berater Bergmann zur Seite: Der Berliner ist vor allem für seine persönlichkeits- und presserechtliche Arbeit bekannt. Vor dem CAS mandatierte Pechstein dann zusätzlich den Konstanzer Anwalt Krähe. Erst 2013 ergänzte Summerer die Reihe, der in der Folge auch nach außen die federführende Rolle unter den Beratern übernahm. Vor dem BGH kam der Prozess- und Schiedsexperte Hammer dazu, seit Ende 2013 BGH-Anwalt und zuvor sieben Jahre lang für die Münchner Sozietät Kantenwein Zimmermann Fox Kröck & Partner tätig. Rückenwind im Kampf gegen das Monopol der Sportgerichtsbarkeit hatte Pechstein zudem kürzlich durch Verlautbarungen aus dem Bundeskartellamt erhalten.

Auch der Eisschnelllaufverband ISU setzte mit Martens auf eine sehr erfahrene und anerkannte Größe im Sportrecht. Wie Summerer ist er seit Jahrzehnten im Geschäft und war unter anderem an mehr als 100 Verfahren vor dem CAS beteiligt, zumeist als Schiedsrichter. Als einziger Deutscher war er auch mehrfach vor dem Ad-hoc-Schiedsgericht während der Olympischen Spiele dabei.

Trotz der ausgebliebenen Revolution dürfte nach Einschätzung von Experten auch nach dem jetzigen BGH-Urteil der Druck auf Reformen in der Sportgerichtsbarkeit wachsen. Im Zentrum steht dabei weiter die Forderung nach mehr Unabhängigkeit, die neben die vorhandene sportliche Fachkompetenz treten soll. Bisher sind viele Sportgerichte nicht unabhängig, Verbände haben Einfluss auf die Wahl der Richter. Dies sorgt für wenig Vertrauen in Zeiten von Skandalen wie den Korruptionsaffären im Weltfußballverband Fifa oder dem Internationalen Leichtathletik-Verband, bei dem sich Sportler beim Präsidenten nach einer positiven Dopingprobe freikaufen konnten. (René Bender)

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