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06.06.2016

Untersuchungsbericht von Quinn Emanuel: Fifa-Funktionäre bereicherten sich im großen Stil

Der Skandal um Korruptionsvorwürfe im Weltfußballverband Fifa erreicht eine neue Dimension: Ex-Fifa-Präsident Joseph Blatter und zwei weitere frühere Top-Funktionäre, darunter ein Deutscher, sollen sich demnach rund 80 Millionen Schweizer Franken an überzogenen Gehaltszahlungen zugeschlagen haben. Dies gaben in einem Zwischenbericht am vergangenen Freitag Anwälte der Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan bekannt, die eine interne Untersuchung beim Weltfußballverband leiten.

Die Vorwürfe richten sich neben Blatter auch gegen den ehemaligen Generalsekretär Jérôme Valcke sowie dessen Stellvertreter Markus Kattner. Der Deutsche Kattner, der vor gut zwei Wochen mit sofortiger Wirkung entlassen worden war, amtierte seit 2003 auch als Fifa-Finanzchef. Alle drei sollen durch Vertragsanpassungen, jährliche Gehaltserhöhungen und Bonuszahlungen zwischen 2011 und 2015 zusätzlich rund 79 Millionen Schweizer Franken erhalten haben und sich über Jahre hinaus finanziell abgesichert haben, so Quinn Emanuel-Partner Bill Burck, der die interne Untersuchung zusammen mit dem Schweizer Thomas Werlen leitet.

Es stelle sich die Frage, welche Rolle dabei der Fifa-Vergütungsausschuss gespielt habe. Dieser segnete laut den Darstellungen von Quinn Emanuel zahlreiche Bonuszahlungen an die drei Ex-Fifa-Funktionsträger ab. Erst 2013 war der Vergütungsausschuss im Zuge der ersten Strukturreformen des skandalbehafteten Verbands aufgesetzt worden. Angesiedelt wurde er unterhalb des sogenannten Audit & Compliance Committee, das die Vollständigkeit und Verlässlichkeit der finanziellen Rechnungslegung gewährleistet und im Auftrag des Fifa-Exekutivkomitees die Berichte der externen Buchprüfer überprüft.

An der Spitze der Abteilung für Audit & Compliance stand bis vor Kurzem der Schweizer Jurist Domico Scala. Er warf aber im Mai auf dem Weltkongress der Fifa in Mexiko das Handtuch, als die Fifa-Exekutive rund um den neuen Präsidenten Giovanni Infantino ermächtigt wurde, ihre Kontrollgremien für ein Jahr selbst nach- oder umbesetzen zu können. Das Compliance- und Audit-Gremium ist seitdem führungslos; wer die Integritätsprüfungen bei neuen Mitarbeitern durchführt, ist nicht bekannt. Seit der Entlassung von Markus Kattner ist auch die Fifa Compliance Unit, die bislang sowohl dem Finanz- als auch dem Rechtsabteilungsleiter unterstellt war, halb verwaist.

Direkter Draht zur Justiz

Die Fifa übermittelt die Erkenntnisse aus ihren jüngsten Untersuchungen der Schweizer Staatsanwaltschaft, da sie einige Punkte für unvereinbar mit dem nationalen Recht hält. Und sie stellt die Unterlagen auch dem US-Justizministerium zur Verfügung, das schon Ende Mai 2015 eine weitreichende Anklage gegen andere Fifa-Funktionäre erhoben hatte und erste Vertreter in Zürich hatte festnehmen lassen. Die Quinn Emanuel-Anwälte wiederum geben ihre Unterlagen weiter an die Fifa-Ethikkommission, die sozusagen als verbandseigene Oberstaatsanwaltschaft fungiert.

Auch aktuelle Funktionäre sind unter Druck

Ins Visier der Ethikkammer geraten dürfte auch der aktuelle Präsident Giovanni Infantino – selbst Jurist – unter anderem wegen Nutzung von Privatflugzeugen und Tonaufnahmen von der umstrittenen Council-Sitzung Anfang Mai in Mexiko-Stadt, die nach Presseberichten auf seine Anweisung hin gelöscht werden sollten. Ihm droht nun eine provisorische Suspendierung von 90 Tagen durch die Ethikkomission. Möglicherweise instruierte er auch Marco Villiger, der seit 2007 die Rechtsgeschäfte des Verbandes führt und erst kürzlich zum Vize-Generalsekretär aufgestiegen war.

Die Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission, an deren Spitze der frühere Züricher Staatsanwalt Dr. Cornel Borbély steht, ermittelt seit einigen Monaten auch gegen die Organisatoren der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Neben eigenen Befragungen stützt sie sich dabei auf den Report, den Freshfields Bruckhaus Deringer für den Deutschen Fußball Bund (DFB) erstellt hat.

Vertreter Fifa
Inhouse
: Marco Villiger (Direktor Recht)
Quinn Emmanuel Urquhart & Sullivan: Thomas Werlen (Zürich), William Burck (Washington)
Niederer Kraft und Frey (Zürich): András Gurovits
Lévy Kaufmann-Kohler (Genf): Antonio Rigozzi, Sébastian Besson

Vertreter Joseph Blatter
Erni Brun Forrer (Zürich): Lorenz Erni
McGuireWoods (Richmond, USA), Richard Cullen

Vertreter Jérôme Valcke
Niedermann (Zürich): Dr. Marco Niedermann
Kramer Levin Naftalis & Frankel (New York): Barry Berke

Vertreter Markus Kattner
Pestalozzi Law (Zürich): Mike Kramer
Simpson Thacher & Bartlett: Jeffrey Knox

Hintergrund: Alleine 2015 addierten sich die Rechtskosten der Fifa auf 62 Millionen US-Dollar. Derzeit geht man davon aus, dass jeden Monat weitere gut 10 Millionen hinzukommen. Ein Großteil davon dürfte auf Quinn Emanuel entfallen, die der Verband im Zusammenhang mit den Ermittlungen der US-Behörden mandatierte und die im vergangenen Sommer auch die interne Untersuchung bei der Fifa übernahm. Dabei arbeiten die Amerikaner mit lokalen Experten von Niederer Kraft & Frey zusammen; mit der Kanzlei hatte Quinn Emanuel beispielsweise auch schon das erste US-Settlement für die Schweizer Bank BSI im Steuerstreit mit den US-Justizbehörden ausgehandelt. Die Schiedsrechtler von Levy Kaufmann-Kohler vertreten die Fifa wiederum vor dem Sportschiedsgericht.

Auch die beschuldigten Funktionsträger setzen auf hochkarätige Anwälte. Markus Kattner vertraut für die US-Ermittlungen auf Jeffrey Knox. Der ehemalige Staatsanwalt aus Washington, der auch einige Jahre als Chefermittler für Betrugsangelegenheiten beim US-Justizministerium tätig war, schloss sich 2014 Simpson Thacher & Bartlett an. Für die Schweizer Konfliktherde hat er nach JUVE-Informationen Mike Kramer an der Seite, der seit 2011 Vorsitzender bei Pestalozzi ist. Kramer leitet die kanzleiinterne Praxis für Litigation und Arbitration in der deutschsprachigen Schweiz.

Der Schweizer Berater von Jérôme Valcke, Dr. Marco Niedermann, machte im vergangenen Sommer Schlagzeilen, als er für Walter Grüebler, Ex-Präsident des Schweizer Chemiekonzerns Sika, überraschend eine Anfechtungsklage gegen die Beschlüsse der außerordentlichen Generalversammlung des Unternehmens einreichte. Sein US-Counterpart, Barry Berke, verteidigt aktuell auch Bill de Blasio, den Bürgermeister von New York, im Zusammenhang mit Korruptionsuntersuchungen.

Joseph Blatter wiederum hat mit Richard Cullen, einem früheren Staatsanwalt, bereits vor einem Jahr einen erfahrenen Litigation-Partner mandatiert. Er soll seine Interessen gegen die Korruptionsvorwürfe der US-Behörden verteidigen. Lorenz Erni wiederum ist einer der prominentesten Strafverteidiger der Schweiz. Er vertrat beispielsweise auch schon den russischen Großunternehmer Viktor Vekselberg sowie den Privatbankier Oskar Holenweger, der nach achtjährigem Verfahren nicht nur von Vorwürfen über Bestechung und Urkundenfälschung freigesprochen wurde, sondern auch Entschädigung erhielt.

KPMG, als Wirtschaftsprüferin schon einige Jahre bei der Fifa an Bord, wurde auch für die Jahre 2015 bis 2018 bestellt. Angeführt wird das Team seit 2011 von Roger Neininger, ehemaliger CEO und jetziger Verwaltungsratspräsident der KPMG Schweiz. (Sonja Behrens)

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