Artikel drucken
22.09.2016

Dieselgate: Tilp, Quinn und Nieding überziehen VW und Porsche mit Klagen

Auch die Porsche SE wird mehr und mehr von der Dieselaffäre erfasst. So richten sich mittlerweile Hunderte Klagen von Anlegern gegen den VW-Großaktionär, die beim Landgericht Stuttgart eingegangen sind.

Die Kläger sind überwiegend Besitzer von Vorzugsaktien der Porsche SE. Ein Großteil von ihnen wird von der Kanzlei Tilp vertreten, die bereits für zahlreiche institutionelle Investoren in der gleichen Sache gegen VW klagt. Weitere zwölf Klagen in Stuttgart kommen von der Frankfurter Kanzlei Nieding + Barth.

Andreas Tilp

Andreas Tilp

Beim Landgericht Stuttgart sind aktuell rund 80 Klagen von Porsche- und VW-Anlegern eingegangen. Wie bei VW werfen die Aktionäre auch Porsche vor, zu spät über die Gefahren des Dieselskandals informiert zu haben. Nachdem die Manipulation der Dieselabgaswerte durch die Behörden in den USA aufflog, stürzte der Kurs der VW- und Porsche-Aktien. Deshalb fordern die Aktionäre Schadensersatz für die erlittenen Verluste.

Sie gehen davon aus, dass auch Porsche schon deutlich früher über die Risiken der Dieselaffäre Bescheid wusste, unter anderem, weil es auf der Führungsebene beider Unternehmen zahlreiche Doppelfunktionen gab. So war der damalige VW-Chef Martin Winterkorn zugleich Vorstandschef der Porsche SE. Auch Winterkorns Nachfolger Matthias Müller und andere Topmanager hatten beim eigenen Großaktionär Posten inne.

Porsche weist die Vorwürfe zurück. Die Holding Porsche SE habe kein eigenes operatives Geschäft und sei auch grundsätzlich nicht in das operative Geschäft von VW involviert. Zudem argumentiert die SE mit der Verschwiegenheitspflicht ihrer Vorstandsmitglieder.

Nach einem Hinweisbeschluss des Landgerichts Stuttgarts könne sich die Porsche SE nicht auf eine Verschwiegenheitsverpflichtung und das Geheimhaltungsinteresse der jeweiligen Gesellschaften und verantwortlichen Personen berufen, so die Klägerkanzlei Tilp.

Markus Meier

Markus Meier

Vertreten wird die SE in den aktienrechtlichen Klagen von Hengeler Mueller. Die Kanzlei vertritt den Stuttgarter Autobauer auch in den Anlegerstreitigkeiten, die sich um die versuchte Übernahme von VW im Jahr 2008 ranken. Ebenfalls aus dem Markt bekannt ist, dass beim VW-Zulieferer Bosch, der gleichermaßen immer mehr in den Fokus der US-Ermittlungen gerät, Hengeler die interne Ermittlung durchführt.

Bezüglich der Dieselgate-Affäre sollen auch bei Porsche interne Ermittlungen stattgefunden haben, die laut JUVE-Informationen von der Kanzlei King & Spalding durchgeführt wurden.

Klageflut gegen VW

Im Abgasskandal bei Volkswagen ist die Zahl der Schadensersatz-Klagen von Anlegern auf rund 1.400 gestiegen. Sie fordern insgesamt rund 8,2 Milliarden Euro ein. Allein am Montag gab es Hunderte neuer Klagen, weil die Verjährungsfrist für Schadensersatzansprüche ablief.

So reichte Tilp rund 750 weitere Schadensersatzklagen ein, bei den Klägern handelt es sich überwiegend um Privatanleger. Unter den neuen Klagen sind aber auch zwei von institutionellen Anlegern mit einem Streitwert von zusammen zwei Milliarden Euro.

Klaus Nieding

Klaus Nieding

Die größte Klage brachten neben Tilp, Nieding sowie Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan für institutionelle Anleger auf den Weg. Alleine Tilp hat bislang Klagen von mehr als 1000 privaten und institutionellen Anlegern mit möglichen Ansprüchen in Höhe von 5,2 Milliarden Euro gebündelt. Rund 160 Investoren werden von Quinn Emanuel vertreten, darunter der California State Teachers’ Retirement System (CalSTRS) und der US-Vermögensverwalter Blackrock. In Braunschweig sollen die Klagen zu einem Verfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) gebündelt werden. Aufgrund der Klagewelle wurden am Landgericht zusätzliche Kapazitäten geschaffen und das Personal verstärkt. Die vollständige Erfassung der hinzugekommenen Klagen soll in rund vier Wochen abgeschlossen sein.

Auch Audi unter Druck

Nadine Herrmann

Nadine Herrmann

Intern kommt VW rund ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Dieselmotoren-Manipulation kaum zur Ruhe. Trotz der Einigung mit den US-Behörden ist der Aufklärungsdruck weiterhin groß. So musste Audi-Chef Rupert Stadler vor den Ermittlern von Jones Day aussagen, wann er von dem Einsatz der verbotenen Software für die Motorsteuerung erfahren habe. Die US-Kanzlei führt im gesamten VW-Konzern die interne Ermittlung zum Dieselgate durch. Zuletzt verhärteten sich laut Recherchen von NDR, WDR und SZ die Anzeichen dafür, dass die VW-Tochter Audi tiefer in den Skandal verstrickt ist als bisher bekannt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft derzeit unter anderem, ob VW-Managern ein Organisationsverschulden vorzuwerfen ist und sie damit zu den Abgasmanipulationen bei Millionen von Fahrzeugen beigetragen haben. Sie hat zudem ein Bußgeldverfahren gegen VW eingeleitet. (Ulrike Barth)

Klagen gegen Porsche

Vertreter der klagenden Aktionäre
Tilp (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp
Nieding + Barth (Frankfurt) – in Kooperation mit Müller Seidel Vos (Köln)

Vertreter Porsche
Hengeler Mueller (Frankfurt): Dr. Markus Meier, Dr. Philipp Hanfland, Gerd Sassenrath, Vanessa Wettner; Associates: Dr. Nicolas Nohlen, Maximilian Bülau, Luisa Kuschel – aus dem Markt bekannt

Klagen gegen VW

Vertreter institutionelle Anleger aus dem In- und Ausland
Tilp (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp

Vertreter institutionelle Anleger, unter anderem Norwegischer Staatsfonds
Quinn Emanuel Urquart & Sullivan (Hamburg): Dr. Nadine Herrmann

Vertreter Investmentfonds und private Anleger
Kaye Scholer (Frankfurt): Dr. Michael Weigel (Federführung; Dispute Resolution), Ingrid Kalisch (Bank- und Finanzrecht),  Alexander Druckenbrodt; Associates: Maximilian Reichl (beide Dispute Resolution)

Weitere Klägervertreter
Nieding + Barth (Frankfurt) – in Kooperation mit Müller Seidel Vos (Köln)
Lindenpartners (Berlin)
Kälberer & Tittel (Berlin)
mzs Rechtsanwälte (Düsseldorf)
Dr. Stoll & Sauer (Lahr)
CLLB Rechtsanwälte (München)
KAP Rechtsanwälte (München)
Rittershaus (Frankfurt)

Vertreter Volkswagen
Göhmann (Braunschweig): Dr. Dirk Beddies, Dr. Stephan Boese
SZA Schilling Zutt & Anschütz (Frankfurt): Markus Pfüller, Dr. Thomas Liebscher, Dr. Christoph Nolden

Landgericht Braunschweig, 5. Zivilkammer
Olaf Schaltke (Vorsitzender Richter)

  • Teilen