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18.11.2016

Millionenauflage: Steuerverfahren gegen Porno-Unternehmer Thylmann eingestellt

Eines der größten Steuerstrafverfahren der Bundesrepublik ist weitgehend beendet: Die Staatsanwaltschaft Köln hat exklusiven JUVE-Informationen zufolge ein Verfahren gegen den Pornounternehmer Fabian Thylmann gegen Geldauflage in Höhe von fünf Millionen Euro eingestellt. Einer der bekanntesten deutschen Strafrechtler sowie zwei Partner der Kanzleien Kaye Scholer und Seitz führten Thylmann zu dem für ihn glimpflichen Ausgang.

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Sven Thomas

Die Strafverfolger hatten Thylmann, dem einstigen Betreiber von Seiten wie youporn.com und mydirtyhobby.com vorgeworfen, in den Jahren 2008 bis 2012 Unternehmenssteuern in Höhe von mehr als 26,25 Millionen Euro hinterzogen zu haben, insbesondere in Deutschland fälliger Umsatzsteuern. Im Raum hatten zuvor sogar noch deutlich höhere mögliche Steuerausfälle gestanden.

Allerdings reichten die Anhaltspunkte in dem seit 2012 laufenden Ermittlungsverfahren nicht aus, Thylmann die Taten nachzuweisen, weshalb die Staatsanwaltschaft das Verfahren JUVE-Recherchen zufolge nun nach § 153a StPO einstellte. Das Landgericht Aachen stimmte JUVE-Informationen zufolge der Einstellung zu. Thylmanns Anwälte bestätigten dies auf JUVE-Nachfrage.

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Martin Weger

Im Rahmen einer Verständigung einigten sich Thylmann und die Behörden indes darauf, dass in Deutschland Steuern zu zahlen gewesen wären. Darauf zahlte Thylmann bereits Steuern von 26,25 Millionen Euro plus Zinsen nach, fällig werden nun noch fünf Millionen Euro Geldauflage. Eine Haftstrafe wie dem Fußball-Manager Uli Hoeneß, in dessen Fall es um annähernd die gleiche Steuersumme ging, bleibt Thylmann damit erspart. Der Pornounternehmer muss sich lediglich noch in einem abgetrennten Verfahren um möglicherweise hinterzogene Einkommensteuer in Höhe von knapp 650.000 Euro am 19. Dezember vor dem Landgericht Aachen verantworten. Dort dürfte ihm indes allenfalls eine Bewährungsstrafe drohen.

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Nils Kröber

Der Aachener Programmierer Thylmann war vor rund zehn Jahren in die Sexindustrie eingestiegen und baute in der Folge als Geschäftsführer und Alleingesellschafter der Luxemburger Holding Manwin, die etwa die Seite youporn.com betrieb, in rasanter Geschwindigkeit ein weit verschachteltes Pornounternehmen auf. Thylmann gehörten einige der lukrativsten Sexseiten im Internet, neben youporn.com unter anderem auch mydirtyhobby.com und privatamateure.de.

Im Dezember 2012 durchsuchten Steuerfahnder dann die Villa des Unternehmers bei Brüssel und die Hamburger Büros von Manwin. Thylmann, der JUVE-Informationen zu dieser Zeit bereits eine Selbstanzeige vorbereitete, wurde festgenommen, von Belgien nach Deutschland ausgeliefert, aber gegen Kaution in zweistelliger Millionenhöhe nach einigen Tagen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen. Ein Jahr später verkaufte Thylmann dann Manwin an Manager in Kanada, die die Firma in Mindgeek umbenannten, die bis heute als weltweit größter Anbieter von Internetpornografie gilt.

Die Aufklärung des Sachverhalt um etwaig hinterzogene Steuern gestaltete sich angesichts des vielschichtigen Firmengeflechts Thylmanns äußerst schwierig und beinhaltete zahlreiche höchst komplizierte Steuerthemen. Im Kern ging es aber bei den erhobenen Vorwürfen darum, dass Thylmann für zahlreiche ausländische Unternehmen inländische Steuern hätte zahlen müssen, weil diese tatsächlich aus dem Inland geführt worden seien und er faktischer Geschäftsführer gewesen sei.

Es ging dabei vor allem um etwaige inländische umsatzsteuerpflichtige Leistungen. So erhielten etwa die meist freiberuflichen deutschen Pornodarstellerinnen über Thylmanns Firmen Rechnungen, auf denen die zyprische und nicht die deutsche Mehrwertsteuer ausgewiesen war.

Thylmanns Anwälte hingegen argumentierten, es habe sich bei den ausländischen Firmen sehr wohl um gesellschaftsrechtliche Strukturen mit sachlicher und personeller Substanz gehandelt. Von Zypern aus sei beispielsweise das Webhosting betrieben worden, in der Ukraine seien die Seiten programmiert worden. Weiter in die Karten von Thylmanns Anwälten spielten auch Ermittlungen des BKA, die zu dem Ergebnis kamen, dass Thylmann keineswegs von Aachen aus allein alle relevanten Entscheidungen getroffen habe.

Vertreter Fabian Thylmann
Kaye Scholer (Frankfurt): Dr. Martin Weger
Seitz (Köln): Nils Kröber
Thomas Deckers Wehnert Elsner (Düsseldorf): Dr. Sven Thomas

Staatsanwaltschaft Köln
Renke Hoogendoorn (Staatsanwalt)

Landgericht Aachen, 6. Große Strafkammer
Dr. Matthias Quarch (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Die US-Praxis von Kaye Scholer hatte Fabian Thylmann schon länger bei der Expansion seines Unternehmens und bei M&A-Projekten in Nordamerika begleitet. Über diese Verbindungen kam auch der Kontakt zum Frankfurter Steuerrechtler Martin Weger zustande. Dieser hatte für Thylmann JUVE-Recherchen zufolge bereits eine Selbstanzeige vorbereitet, als ihm die Steuerfahnder 2012 zuvor kamen – ein klares Indiz, wie heikel der Sachverhalt war.

Die weitere Prüfung der materiell-steuerrechtlichen Fragen übernahm Weger dann zusammen mit Partner Nils Kröber aus der Kölner Sozietät Seitz, den er auf Empfehlung dazu holte. Als dritter im Bunde kam dann Sven Thomas an Bord, einer der bekanntesten Strafverteidiger hierzulande. Die Liste der durch ihn verteidigten hochkarätigen Namen aus der Industrie ist lang, einer der schillerndsten darunter ist der der Formel 1-Boss Bernie Eclestone, den er in dessen Untreue-Strafverfahren vor dem Münchner Landgericht verteidigte. (René Bender)

 

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