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13.10.2017

Gescheiterte VW-Übernahme: Anleger fordern mit Tilp und Broich 5,4 Milliarden

Es war ein gewagter Plan, als der kleine Autobauer Porsche sich 2005 anschickte, den Riesen Volkswagen zu übernehmen. Der Plan scheiterte – und die Zeche zahlten die Aktionäre. So jedenfalls sehen es die Investoren, die wegen der Kurskapriolen seit Jahren Schadensersatz von Porsche und VW fordern. Nun begann das Musterverfahren am Oberlandesgericht Celle. Der Richter machte den Klägern wenig Hoffnung. Die regierten prompt mit einem Befangenheitsantrag.

Andreas Tilp

Andreas Tilp

In dem Prozess gegen die Autokonzerne sind nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) 42 Investoren für eine Sammelklage zusammengeschlossen. Sie werfen VW und Porsche vor, sie über die Übernahmepläne getäuscht zu haben – und verlangen insgesamt 5,4 Milliarden Euro Schadenersatz. Die Aktionäre glauben, dass Porsche von Anfang an geplant hatte, 75 Prozent der Volkswagen AG zu erwerben, ihre Aktionäre aber absichtlich darüber im Dunkeln ließ. 

Im Jahr 2005 kaufte Porsche 20 Prozent der VW-Aktien und wurde größter VW-Aktionär, bis 2007 bauten die Stuttgarter ihre Anteile immer weiter aus. Doch dann ging Porsche die Puste aus, weil sich der Sportwagenhersteller in Milliardenhöhe verschuldet hatte, um die Ausbaupläne zu finanzieren. VW nutzte die Gunst der Stunde und drehte den Spieß um: Die Wolfsburger kauften Ende 2009 die Hälfte von Porsche.

Nach der verlorenen Übernahmeschlacht verließen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzchef Holger Härter das Unternehmen. Ein Strafprozess gegen sie konnte aber kein Fehlverhalten des Managements bei der Übernahmeschlacht nachweisen. Vom Vorwurf der Marktmanipulation sprach das Landgericht Stuttgart Härter und Wiedeking im Frühjahr 2016 frei. 

Platzt der Prozess?

Markus Meier

Markus Meier

Den Aktionären machte Richter Matthias Wiese vom OLG Celle gestern beim Prozessaufakt wenig Hoffnung auf Erfolg. Verhandelt wurde aus organisatorischen Gründen am Landgericht Hannover. Die Finanzkommunikation von Porsche sei nicht grob irreführend gewesen. An die von den Kläger bemängelten Pressemitteilungen könne nicht derselbe strenge Maßstab angelegt werden wie an Ad-hoc-Meldungen. Auch den Wunsch der Kläger, die Ermittlungsakten des Strafverfahrens gegen Wiedeking und Härter zum Verfahren hinzuziehen, wies der Richter zurück.

Die Klägervertreter reagierten mit einem überraschenden Befangenheitsantrag. Der Vorwurf: Richter Wiese habe in seiner vorläufigen Rechtsauffassung erkennen lassen, dass er Hedgefonds nicht für schutzwürdig halte und eine Sittenwidrigkeit ihnen gegenüber ausschließe. Über den Antrag wird das OLG Celle innerhalb einer Woche entscheiden, bis dahin sind weitere mündliche Verhandlungen ausgesetzt. 

Unter den Geschädigten sind neben dem ausgewählten Musterkläger, der ARFB Anlegerschutz UG, auch prominente Investoren wie Elliott oder der Unternehmer Adolf Merckle. Der allein soll durch die Kursschwankungen während der Übernahmeschlacht knapp eine Milliarde Euro verloren haben. Der Verlust war angeblich einer der Gründe, die Merckle im Januar 2009 in den Selbstmord trieben. Am selben Tag gab Porsche offiziell bekannt, seine VW-Beteiligung auf über 50 Prozent ausgebaut zu haben.

Vertreter ARFB
Tilp (Kirchentellinsfurt): Andreas Tilp, Axel Wegner, Marc Schiefer
Broich (Frankfurt): Josef Broich

Vertreter Porsche
Hengeler Mueller (Frankfurt): Dr. Markus Meier, Dr. Philipp Hanfland, Dr. Gerd Sassenrath; Associates: Dr. Nicolas Nohlen, Maximilian Bülau, Luisa Kuschel

Vertreter VW
Göhmann (Braunschweig): Dr. Dirk Beddies, Dr. Stephan Boese
Clifford Chance (Frankfurt): Burkhard Schneider, Oliver Seyd

Oberlandesgericht Celle, 13. Zivilsenat
Matthias Wiese (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Muserklägerin ARFB hat sich im Vorfeld Ansprüche von internationalen institutionellen Investoren abtreten lassen und so Ansprüche von allein 2,7 Milliarden Euro gebündelt. Tilp vertritt neben dem Musterkläger auch weitere Aktionäre, unter anderem die Deutscher Effecten-Spiegel. In dem aktuellen Verfahren hat er sich mit Broich zusammen geschlossen. Die hatte vor der Bündelung der Klagen im KapMuG-Verfahren einen Prozess für Elliot angestrengt.  

Auf der Beklagtenseite hat sich nichts geändert: Schon in der vorausgegangenen Verfahren waren Hengeler für Porsche sowie Göhmann als Prozessvertreterin und Clifford als Hintergrundberaterin für Volkswagen unterwegs. 

Auch Merckle gehört zu den Klägern, die sich dem KapMug-Verfahren angeschlossen haben. Sie wird von Dr. Karsten Faulhaber von Orrick beraten. (Ulrike Barth)

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