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13.09.2019

Falk-Prozess: Opfer sagt als Zeuge aus

Seit drei Wochen wird dem Hamburger Unternehmer Alexander Falk in Frankfurt vor dem Landgericht der Prozess gemacht. Er soll einen Anschlag auf einen Anwalt von DLA Piper in Auftrag gegeben haben. Dem Anwalt war 2010 von einem bislang unbekannten Schützen in den Oberschenkel geschossen worden, er wurde schwer verletzt. Nun sagte er vor Gericht als Zeuge aus. Es ging an diesem Prozesstag viel um Hierarchien in Kanzleien und um die Frage, ob der DLA-Jurist wichtig genug war, um ihn aus dem Weg zu räumen.

Rund sieben Stunden lang schilderte das Opfer die Geschehnisse rund um den 10. Februar 2010, den Tag des Anschlags. An seiner Seite saß der Frankfurter Strafverteidiger Marcus Steffel als Zeugenbeistand. Grund für das Attentat vor neun Jahren war nach Ansicht des Opfers und der Staatsanwaltschaft das damals laufende Zivilverfahren, in dem sich Falk mit dem britischen Telekommunikationsunternehmen Energis stritt. Man warf Falk vor, die Bilanzen seines Unternehmens Ision mithilfe von Luftbuchungen geschönt zu haben. In der Folge ging Energis insolvent, Falk wegen versuchten Betrugs später für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Falk verlor durch die Zivilprozesse einen großen Teil seines Vermögens, 208 Millionen Euro sollte er zurückzahlen. Das spätere Opfer, damals erst Associate, dann Counsel bei Clifford Chance, hatte gemeinsam mit Clifford-Anwalt Sebastian Rakob in den Zivilklagen gegen Falk für die Arrestierung des Vermögens gesorgt. Diverse Konten, Immobilien, eine Motor-, eine Segelyacht, Autos und Möbel habe er sichergestellt – zwar in erheblichem Umfang, „aber ganz normal, wie es üblich ist in solchen Fällen“, so der Zeuge.

Unüblich hingegen sei gewesen, dass er das umfangreiche und lukrative Mandat, das er an Land gezogen hatte, als Associate und später als Counsel hätte führen dürfen. Uwe Hornung, Partner in der Litigation-Praxis von Clifford, habe ihm freie Hand gelassen. „Es war großzügig, weil es um eine Menge Honorar ging und die Frage, bei wem das anschließend auf dem Deckel steht. Davon hängen Bonuszahlungen ab.“ Er holte sich Rakob – der hat bereits am zweiten Prozesstag ausgesagt – an Bord sowie die Clifford-Anwälte Sibylle Haas und Dr. Christian Wolf.

Schriftsätze hätten meist alle gemeinsam unterschrieben. Auch Hornung, wenn ein Partner gefordert war. Aber trotz der Teamarbeit wäre immer er es gewesen, der nicht nur intern die Zügel in der Hand hielt, sondern auch nach außen auftrat – etwa bei den Terminen, bei denen er auch auf Alexander Falk traf. So etwa beim letzten von drei Treffen beim Gerichtsvollzieher. Falk sollte dort eine eidesstattliche Versicherung abgeben. Er habe bei dem Termin das teure Auto, mit dem Falk vorgefahren sei, beschlagnahmen lassen. Die Atmosphäre sei sehr feindselig gewesen. Er habe zum ersten Mal Angst gespürt, als er mit Falk alleine im Raum war. Dieser habe ihn so bedrohlich angesehen, dass er sich gefragt hätte, „Oh, Scheiße, tut der mir was an?“.

„Warum haben wir es nicht mit einem Partner zu tun?“

Den Anwälten Falks habe es ebenfalls nicht gepasst, dass er das Verfahren federführend leitete. Seinerzeit stand Freshfields Bruckhaus Deringer an der Seite von Falk, vor allem Dr. Elke Umbeck, die 2008 als Partnerin zu Heuking Kühn Lüer Wojtek ging und das Verfahren mitnahm, und Dr. Jan Willisch, er wechselte 2009 zu Lindenpartners. So habe Dr. Fabian von Schlabrendorff, damals sein verantwortlicher Litigation-Partner bei Clifford, einen Anruf von Freshfields erhalten: Was ihm denn einfiele, wurde er gefragt, das Verfahren auf so einer niedrigen Senioritätsebene zu bearbeiten? Warum sie es denn nicht endlich mit einem Partner zu tun hätten? „Wir haben das intern besprochen und die Rollenverteilung genauso beibehalten“, sagte der Zeuge.

Daran habe sich auch nichts geändert, als Rakob bei Clifford Partner wurde und er selbst schließlich zu DLA Piper als Partner wechselte. Bei Clifford sei er schon nach vier Jahren auf dem Partnertrack gewesen, das habe aber dann nicht geklappt. Man habe damals 1,5 Millionen Euro zurechenbaren Umsatz für den Partnerstatus haben müssen, was er nicht hatte. Er reduzierte daraufhin seine Arbeitszeit um 20 Prozent und sei Counsel geworden. 2008 habe man ihn dann gebeten, seine gute Arbeit bitte woanders fortzusetzen. Das Honorar des Mandats sei dann 50/50 zwischen DLA und Clifford aufgeteilt worden.

Für ihn selbst sei bei seinem Wechsel das Mandat entsprechend wichtig gewesen, betonte der Jurist. Es habe ihm Umsatz garantiert, den er gebraucht habe. „Wenn man eine Party feiern will, muss man Kuchen mitbringen“, sagte er. In den Monaten vor der Tat gab es immer wieder Vorfälle, die er als Einschüchterungsversuche wertete: ständig anonyme Anrufer, die nach ihm fragten und wieder auflegten, ein Einbruchsversuch am Esszimmerfenster, obwohl in der Gegend seit Jahren nicht mehr eingebrochen worden war, und eine nachts mit dem Vorschlaghammer eingeschlagene Haustür. Alles habe ihn nicht vom Mandat abbringen können. „Ich wollte nicht als Hasenfuß dastehen. Der Job war mein Broterwerb, den gibt man doch nicht auf.“ Erst der Schuss ins Bein habe ihn zum Umdenken bewogen.

„Eine echte Sauerei war das“

Das Mandat war damals in der alles entscheidenden Phase, am wichtigsten war nach Aussage des Zeugen ein Schriftsatz, „in dem es, kurz gesagt, um alles ging“. Man habe deswegen bei Heuking* bereits einmal um Fristverlängerung gebeten. Als Rakob aber wegen des Anschlags auf ihn um eine zweite Fristverlängerung gebeten habe, sei diese von Heuking* abgelehnt worden. „Eine echte Sauerei war das, das muss hier mal gesagt werden.“

Nach dem Anschlag habe er sofort, noch im Krankenwagen, der Polizei gesagt, dass er Falk im Verdacht hätte. Ein paar Tage später habe er dann in einer E-Mail das Niederlegen seines Mandats kundgetan. Die sei an alle Anwälte Falks gegangen, unter anderem an Dr. Sven Thomas (Thomas Deckers Wehnert Elsner), Dr. Marc Langrock (heute Langrock Voß & Soyka), Dr. Gerhard Strate (Strate und Ventzke), Dr. Jan Willisch (damals bei Freshfields Bruckhaus Deringer) und Dr. Ulf Renzenbrink (heute Renzenbrink & Partner). Außerdem habe er bei DLA und Clifford angeregt, eine Belohnung auszusetzen. Die beiden damaligen Managing-Partner, Dr. Ulrich Jüngst und Dr. Hans-Josef Schneider, seien schnell bereit gewesen, jeweils 50.000 Euro zu investieren.

Auch die beiden Kanzleien beschäftigen die Geschehnisse nach wie vor, mehrere Anwälte werden noch aussagen. So beantragte die Verteidigung gestern zusätzlich, die Associate von DLA als Zeugin zu laden, die am zweiten Prozesstag die Aussage Prof. Dr. Jürgen Taschkes protokolliert hatte. Aufgefallen war das erst später. Auch Clifford möchte offenbar ein Wortprotokoll des Prozesses. Um nicht den gleichen Fehler zu machen wie DLA, hat sich die Kanzlei im Vorfeld mit der Verteidigung abgesprochen: Das Prozessgeschehen protokolliert nun eine Associate aus dem Team von Clifford-Partner Burkhard Schneider. Ihre Unterlagen aber – so die Absprache – händigt sie abends der Verteidigung aus. Nach dem Urteilsspruch erhält Clifford die gesammelten Mitschriften zurück.

Am Ende seiner Aussage bat der Zeuge gestern noch darum, zwei Fragen stellen zu dürfen. Ob er nun offiziell entlassen sei, damit er mit Rakob über den Prozess sprechen dürfe. Die zweite Frage ging direkt an Falk: „Wer hat geschossen?“. Falk, sichtlich verdutzt, nahm die Brille ab und zog die Schultern hoch: „Das würde ich auch gerne wissen.“

Der Prozess wird am 1. Oktober fortgesetzt.

Vertreter Alexander Falk
Gercke Wollschläger (Köln): Prof. Dr. Björn Gercke, Daniel Wölky (beide Strafrecht)
Höcker (Köln): Prof. Dr. Ralf Höcker (Presserecht)

Staatsanwaltschaft Frankfurt
Nicole Matcalf, Dr. Wanja Welke (Staatsanwälte)

Landgericht Frankfurt
Dr. Jörn Immerschmitt (Vorsitzender Richter), Dr. Bernd Steinmetz, Iris Möhrle

(Eva Flick)

*Korrektur: Wir haben diese Stellen korrigiert. Vorher hatte es dort geheißen, die Fristverlängerung sei bei Freshfields beantragt worden. Dies ist nicht richtig.

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