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09.07.2020

Wirecard: Fünf Kanzleien sind allein für den Ex-CEO im Einsatz

Der größte Bilanzskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte beschäftigt inzwischen Heerscharen von Anwälten, und manche ganz besonders: Neben Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé sind dies etwa die Berater des Unternehmens und Anlegervertreter. Zudem wappnen sich einzelne Manager mit juristischem Beistand. Allein Markus Braun, bis vor Kurzem noch Vorstandschef, hat nach JUVE-Informationen fünf Kanzleien mandatiert.

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Alfred Dierlamm

Ende Juni reichte der Zahlungsdienstleister einen Insolvenzantrag ein, kurz darauf folgten mehrere Töchter. Ausgenommen bleiben soll die Wirecard Bank. Diese wird laut Wirecard mit Einverständnis der Finanzaufsicht BaFin finanziell und organisatorisch von der Muttergesellschaft abgekoppelt. Weltweit beschäftigt Wirecard etwa 5.800 Mitarbeiter.

Tilp weitet Kapitalanlegerverfahren aus

Vorstandschef Braun war am 19. Juni zurückgetreten, drei Tage später räumte Wirecard dann Luftbuchungen ein – die 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf philippinischen Treuhandkonten lagern sollten, existieren mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit″ nicht, wie der Vorstand zunächst formulierte. Braun kam für eine Nacht in Untersuchungshaft, wurde danach aber gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt. Marsalek war bereits eine Woche zuvor als Vorstandsmitglied und COO suspendiert worden, er ist untergetaucht. Die fristlose Entlassung von Braun und Marsalek folgte.

Nahost-Chef stellt sich

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Bernd-Wilhelm Schmitz

nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) gegen Wirecard aus: Vor dem Landgericht (LG) München I verklagte Tilp die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young und außerdem Braun als Ex-Vorstandschef, Ex-COO Marsalek und den amtierenden CFO wegen vorsätzlichen Bilanzfälschungsdelikten auf Schadensersatz (Az. 3 O 5875/20).

Am Montag stellte sich auch der Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East. Nach seiner Einreise aus Dubai wurde er nach Angaben der Staatsanwaltschaft München als Beschuldigter vernommen und aufgrund eines bereits zuvor beantragten Haftbefehls festgenommen. Der Haftbefehl stützt sich laut Staatsanwaltschaft unter anderem „auf den dringenden Tatverdacht des gemeinschaftlichen Betrugs und versuchten gemeinschaftlichen Betrugs jeweils im besonders schweren Fall sowie den Verdacht der Beihilfe zu anderen Straftaten“.

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Stephanie Vendt

Vertreter Markus Braun
Dierlamm (Wiesbaden): Prof. Dr. Alfred Dierlamm; Associate: Sarah Moritz (beide Wirtschaftsstrafrecht) 
Witting Contzen & Kollegen (München): Nico Werning (Wirtschaftsstrafrecht) 
Kliemt (Frankfurt): Prof. Dr. Michael Kliemt (Arbeitsrecht) 
Schmitz & Partner (Frankfurt): Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz (Konfliktlösung) 
Nesselhauf (Hamburg): Dr. Stephanie Vendt (Presserecht) 

Vertreter CFO
Krause & Kollegen (Berlin): Dr. Daniel Krause (Wirtschaftsstrafrecht)  

Vertreter Jan Marsalek 
Eckstein & Kollegen (München): Frank Eckstein, Dr. Matthias Dominok (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Chief Product Officer
Michalke Rosskopf (München): Dr. Annette Rosskopf (Wirtschaftsstrafrecht)  

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Nicolas Frühsorger

Vertreter Nahost-Geschäftsführer
Frühsorger Mühlberger (München): Dr. Nicolas Frühsorger (Wirtschaftsstrafrecht)

Staatsanwaltschaft München I
Hildegard Bäumler-Hösl (Oberstaatsanwältin)

Hintergrund: Alle Berater und Vertreter sind aus dem Markt bekannt.

Infolge des Vorstandsumbaus in der zurückliegenden Woche änderten sich zahlreiche Mandatierungen. Eine wesentliche Rolle dürfte bei den Beraterwechseln der neue Compliance-Vorstand James Freis gespielt haben. Freis war von 2014 bis Februar 2020 Compliance-Chef der Deutschen Börse und sollte ursprünglich Ende Juni dieselbe Funktion bei Wirecard übernehmen. Kurz nach seiner Ankunft wurde er zusätzlich Brauns Nachfolger als CEO.

Für Braun führt Dierlamm strafrechtlich das Mandat. Allerdings holte Dierlamm den Strafverteidiger Werning mit ins Boot, der in München sitzt und damit schneller vor Ort sein kann, wenn es etwa zu Durchsuchungen kommt. Werning war im Jahr 2010 Anwalt bei Ufer Knauer. Auch Frühsorger, der den Geschäftsführer der Nahosttochter vertritt und auch dabei war, als dieser sich den Behörden stellte, war eine Zeit lang bei Ufer Knauer. Frühsorgers Mandatierung ist die größte Überraschung, denn anders als die Vertreter der Vorstandsmitglieder ist er nicht auf Wirtschaftsstrafrecht spezialisiert und daher im Markt bisher auch weniger bekannt.  

Finanzen und Lastwagen – Kliemt für Manager im Einsatz

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Michael Kliemt

Ex-CEO Braun hat, soweit bekannt, neben dem Unternehmen selbst die meisten Kanzleien mandatiert. Schmitz, Ex-Partner bei Clifford Chance und Latham & Watkins und seit 2009 in eigener Kanzlei tätig, ist spezialisiert auf Organhaftung und kapitalmarktrechtliche Streitigkeiten. Kliemt ist einer der bekanntesten Vertreter von hochrangigen Führungskräften in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen. Er war zuletzt etwa auch für Andreas Renschler, CEO von Traton und Vorstandsmitglied von VW, und MAN-CEO Joachim Drees im Einsatz. Beide Manager schieden im Juli, nach offiziellen Angaben einvernehmlich, aus dem VW-Konzern aus. (Marc Chmielewski)

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