CLOSING 11/12

Auf der Couch

Auf der Couch„Herr Schmitz, Sie wollen also die Kanzlei wechseln.“
„Genau. Es wird Zeit für eine neue Herausforderung.“

„… schon wieder!?“
„Wissen Sie, es hat eben doch nicht ganz gepasst zwischen uns. Wir hatten einfach unterschiedliche Vorstellungen von der Ausrichtung des Geschäfts. Ich will in Zukunft vor allem den internationalen Markt stärker in den Blick nehmen und dafür bot mir eine Kanzlei, die lediglich in Großbritannien, Asien und dem Nahen Osten aufgestellt ist, einfach nicht die richtige Plattform.“

„Das wäre dann das vierte Mal in acht Jahren – da könnte man fast von einem Muster sprechen …“
„Ja nun, bei der ersten, da war ich jung und wollte das Geld. Da wusste ich eigentlich auch nicht, worauf ich mich einlasse. Und die vielleicht auch nicht. Aber mit meinem Top-Examen stand mir quasi die ganze Welt offen. Ich hatte Angebote aus New York und London. Dass ich dann nach Castrop-Rauxel bin, war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich wollte den Beruf von der Pike auf lernen und es aus eigener Kraft nach oben schaffen.“

„Mit gefälschten Zeugnissen?“
„Zeugnisse sagen ja nichts aus über die Leistungsfähigkeit eines Menschen. Wir machen so viel Aufhebens um Noten, Bewertungen. Das war bei der zweiten Kanzlei auch das Problem: Diese ständige Leistungskontrolle. Immer wollte so ein Verwaltungsmensch aus London wissen, wie viele Stunden ich abrechne. Denen ist es total entgangen, was ich als erfahrener Anwalt außerhalb des herkömmlichen Leistungsschemas für die Kanzlei getan habe. Wer hat denn die Kontakte gemacht? Das war doch ich! Underperforming, das können sich auch nur die Engländer ausdenken. Wissen Sie, die britische Kultur ist ja ganz anders als unsere. Wir Deutschen bohren doch die dicken Bretter. Die wollen immer nur ein schnelles Pfund machen. Da waren die Amerikaner schon ganz anders. Bei denen habe ich zum ersten Mal den notwendigen Spielraum gehabt, um mich frei zu entfalten.“

„Sie meinen, die haben erst spät gemerkt, dass Sie eigentlich nie im Büro waren.“
„Hier geht es doch nicht darum, ob ich im Büro war oder nicht. Ja, es geht noch nicht mal darum, ob ich 40, 50 oder 60 Stunden oder vielleicht nur 20 Stunden die Woche gearbeitet habe. Was wirklich zählt, war doch: Ich war der Partner, der das Frankfurter Büro nach vorne bringen sollte. Daran habe ich gedanklich Tag und Nacht gearbeitet, mich innerlich aufgerieben. Wollen Sie so ein Brennen, so eine Leidenschaft tatsächlich in Billables ausdrücken? Lächerlich! Wer hat denn die Kontakte nach Bratislava, Budapest und Brno eingefädelt? Das war doch ich!

„In der letzten Sitzung haben Sie selbst zugegeben, dass diese Reisen nach Osteuropa – nun, wie soll ich sagen – frei erfunden waren und vor allem dazu dienten, über fingierte Spesenabrechnungen Einnahmen zu generieren. Das sieht das Finanzamt ja genauso.“
„Wissen Sie, mit dem Steuerrecht habe ich mich nie befasst, das habe ich immer den Kollegen überlassen. Schuster bleib‘ bei deinen Leisten, habe ich immer gesagt. Spezialisierung ist ja heute das A und O im Anwaltsmarkt, die Zeiten des Feld-Wald-und -Wiesen-Juristen sind ja nun wirklich vorbei. In der neuen Kanzlei haben die das begriffen. Da werde ich ganz gezielt den Markt für großvolumige IPOs betreuen.“

„Herr Schmitz, ich mache mir wirklich Sorgen, dass wir diese über Jahre ausgeprägte dissoziative Störung nicht so recht in den Griff bekommen. Ihr Personalberater hat mir verraten, dass Sie in den aktuellen Wechselgesprächen wieder behauptet haben, Sie dürften wegen eines Wettbewerbsverbots in Ihrem Vertrag erst in ein paar Monaten zu ihrer neuen Kanzlei kommen. Und dass sich deshalb auch Nachfragen bei Ihrem alten Arbeitgeber verböten. Herr Schmitz, das ist doch wieder die gleiche Strategie wie beim letzten Mal.“
„Naja, theoretisch gibt es das Verbot ja auch. Die haben ja ausdrücklich gesagt, dass ich nie wieder für jemanden arbeiten würde, den sie kennen. Das ist ja quasi ein mündliches Wettbewerbsverbot. Und ich muss ja auch meinen guten Ruf schützen. Was glauben Sie denn, was passiert, wenn bekannt wird, dass ich auf dem Markt bin? Wenn die bei Hinz und Kunz anrufen und Nachfragen stellen? Da könnte ich mich ja vor Angeboten nicht retten. Und letztlich schadet es auch meiner alten Kanzlei, wenn bekannt wird, dass ich weg will. Ich schütze die quasi vor sich selbst.“

„Ihr Arbeitgeber hat Sie aufgefordert, sich einen neuen Job zu suchen.“
„Das wird jetzt so gesagt. Wichtig ist, die Fäden in der Hand zu behalten. Agil bleiben, wendig bleiben, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Ich wäre doch nicht dort, wo ich jetzt bin, wenn ich an meinem Stuhl geklebt und Aktien gewälzt hätte.“

„Ich mach Ihnen mal ein neues Rezept fertig.“

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig, aber beabsichtigt.

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