CLOSING 02/13

Am Scheideweg

von Ulrike Barth

Meine Liebe,

Abschiedsbriefschon sehr lange denke ich darüber nach, Dir diesen Brief zu schreiben. Aber bislang wollte ich mir nicht ­eingestehen, dass es mit uns zu Ende geht. Doch es ist Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken.

Sicher hast Du auch bemerkt, wie sehr sich die Dinge zwischen uns in letzter Zeit verändert haben. Und nein, ich rede hier nicht von der großen Krise. Die hat uns ja noch einmal aneinander geschweißt, ja sogar beflügelt. Was hast Du Dich nicht angestrengt, damit ich bleibe. Hast mir Zeit geschenkt. Und Aufmerksamkeit. Ja, und immer wieder auch kleine ­Geschenke. Und ich weiß auch: Ohne Dich wäre ich heute sowieso nicht da, wo ich bin. Schließlich hast Du Dich um ­alles gekümmert, von den Finanzen bis zur Steuer. Hast sogar richtig für mich ­gekämpft und Dich in den Ring geschmissen, wenn alle anderen gegen mich waren. Darum erscheint es Dir jetzt vielleicht unfair, wenn ich Dir sage: Ich will nicht mehr.

Ja, ich hatte Dir Exklusivität geschworen. Doch so, meine Liebe, geht es einfach nicht mehr weiter. Dieses ständige ­Gezeter ums liebe Geld. Immer mehr, mehr, mehr. Für immer weniger von Deiner ach so wohldosierten Zeit.

Sei ehrlich: Du hast einiges dafür getan, dass es so weit kommt. Denn Du hast nicht nur viel gefordert, ­sondern auch viel versprochen. Wolltest Du nicht immer für mich da sein? Doch wenn ich Dich dann anrief, war oft ein ­anderer dran. Du warst gerade mal wieder im Meeting oder im Flieger. Lügen, Wahrheit, wer mochte das noch ­unterscheiden?

Jetzt wirst Du sagen: Ich kann nicht anders, es liegt in meiner Natur! Aber weißt Du: in meiner leider auch. Und ­deshalb tut es mir sehr leid, Dir mitteilen zu müssen, dass wir ab dem 1. Januar unsere bisherige Beziehung auflösen müssen. Auch andere Kanzleien haben schöne Anwälte. ­Jungspunde mit Namen, die nach Wild West und einem Ritt in den Sonnenuntergang klingen.

Aber keine Angst: Ich werde Dich nie vergessen. Und ­lade Dich ganz herzlich dazu ein, dich für einen Platz auf unserem neuen Panel zu ­bewerben. Wir wollen doch Freunde bleiben

Dein Richard

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