CLOSING 08/2013

Good Vibrations

von Anja Hall

 

Good VibrationsSchmidtke hasst es, das Gespött der Münchner Anwaltschaft zu sein. Seit diese unsägliche amerikanische Modekette eine Filiale unter seiner Kanzlei eröffnet hat, gleicht jeder Prozesstermin einem Spießrutenlauf. Das Parfüm, mit dem die Modekette ihre T-Shirts einsprüht, habe wohl seine Sinne benebelt, als er den Schriftsatz verfasste, ulkte kürzlich ein junger Staatsanwalt. „Unerhörte Unverschämtheit“, polterte Schmidtke, musste aber aus dem Augenwinkel sehen, wie der Anwalt des Nebenklägers breit grinste. Er habe wohl etwas viel Zeit mit den muskelbepackten 20- jährigen Models, die da vor der Tür rumlungern, verbracht, das letzte Plädoyer jedenfalls war nur knapp über Teenager- Niveau, klopfte ihm ein befreundeter Anwalt gestern aufmunternd auf die Schultern. Das sollte witzig sein. Fand Schmidtke aber nicht.

„So geht es nicht weiter! Die Herren werden mich noch kennenlernen! Ich werde um meinen guten Ruf kämpfen!“ Schmidtke schlägt mit der Faust auf seinen Schreibtisch und wählt die Nummer des Kollegen Schulze, des Öffentlichrechtlers seiner Kanzlei. Erregung öffentlichen Ärgernisses, Geruchsbelästigung – da muss sich doch was drehen lassen. Schulze faselt etwas Unverständliches von Immissionsschutzrecht, und dass man unter Umständen … es komme aber darauf an … den Sachverhalt könne man nicht so eindeutig beurteilen … er wolle da lieber nicht zu viel versprechen.

Schmidtke legt ernüchtert auf und schluckt schnell eine Magentablette. Nur nicht zu sehr aufregen. Er greift sich die oberste Akte vom Stapel und schlägt sie auf. Plötzlich spürt Schmidtke, wie der Fußboden vibriert. Schrilles Gekreisch entfesselter Teenager dringt durch das geschlossene Fenster an sein Ohr. Schmidtke blickt auf seine Armbanduhr. Freitag, 15 Uhr. Da drehen die Verkäufer im Laden die Musik noch einmal richtig auf, um den Schülerhorden, die um diese Zeit zum Shoppen einfallen, auch ein akustisches Erlebnis zu bieten. Dafür blättern die ja auch immerhin 70 Euro für ein T-Shirt hin. Dummerweise hängen die Lautsprecherboxen, aus denen die Bässe wummern, direkt an der Decke unter Schmidtkes Schreibtisch. Das hat er herausgefunden, als er einmal wutentbrannt nach unten in das Geschäft gestürzt ist. Damals war sein nagelneuer Montblanc-Füller vom Tisch gekullert, so heftig waren die Vibrationen.

„Ha, jetzt hab ich’s!“ Schmidtke triumphiert. Geruchsbelästigung in Tateinheit mit Lärmbelästigung – das hat doch eine neue Qualität. Wieder wählt er die Nummer des Öffentlichrechtlers und spricht von Lärm, Gestank, Migräneattacken und Konzentrationsschwierigkeiten. „So kann ja kein Mensch arbeiten. Wären da nicht Entschädigungszahlen denkbar?“ – „Jaja … durchaus … unter Umständen … stehe zwar völlig auf Deiner Seite … allerdings … rein juristisch betrachtet … so eindeutig ist die Sache nicht … tue selbstredend mein Bestes … aber die Anwälte der Modekette sind ganz scharfe Hunde.“

„Ich konnte diesen Bedenkenträger noch nie leiden“, grummelt Schmidtke und knallt den Telefonhörer auf die Gabel. Doch so schnell gibt er nicht auf: Wie wäre es eigentlich, wenn man an den Vermieter ginge? Eine saftige Mietminderung müsste drin sein. Meierle wüsste sicher Rat. Dumm nur, dass der altgediente Mietrechtsexperte die Kanzlei im Zuge der strategischen Neuaufstellung verlassen hat. Verlassen musste, zugegebenermaßen. Und, um ganz genau zu sein, auf Betreiben von Schmidtke verlassen musste. Der hatte seinerzeit in einer legendären Rede vor der Partnerversammlung gefordert, sich endlich von unrentablen Bereichen zu trennen und die Kanzlei stärker auf Rendite zu trimmen. Meierle war empört und sprach wochenlang kein Wort mit Schmidtke. Aber seit er die Rechtsabteilung des Vermieters leitet, hat sich die Spannung wieder gelöst. „Wobei …“ Schmidtke durchzuckt eine schmerzhafte Erkenntnis.

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