CLOSING 05/14

Ehrlich währt am längstenEhrlich währt am längsten

von Marcus Jung

 

Ein modernes Märchen über Moral – und über die Rentenversicherung

Es war einmal ein Zwillingspaar, das lebte inmitten goldener Weizenfelder. Ihre gottesfürchtigen Eltern benannten ihre Buben nach den Kirchenvätern Peter und Paul. Der Jüngere, Peter, war bodenständig und grundehrlich. Er verriet den eigenen Bruder, als der die vorösterliche Kirchenkollekte einsacken wollte. Denn der Ältere, Paul, war schon früh auf seinen Vorteil aus. Eisern sparte er für den Tag seines Wegzugs aus der Heimat. Nach dem Abitur in der nahen Kreisstadt zog Paul direkt zum Jura-Studium in das große, laute Frankfurt. Peter dagegen studierte die Juristerei im kleinen, beschaulichen Marburg. In den Semesterferien arbeitete er in der Ventilfabrik in der nahen Kreisstadt.

Paul schob tagsüber in einer Wirtschaftskanzlei den Aktenbock, nachts arbeitete er als Barkeeper, natürlich ohne Beiträge in die Sozial- und Rentenversicherung zu zahlen. „Besser unehrlich leben, als ehrlich scheintot sein“, sagte er zu seinem Bruder Peter. Mit dem Geld ging Paul für ein Jahr in die USA. Zu Weihnachten lagen dann zwei Schriftstücke im Briefkasten der Eltern: Pauls Postkarte aus dem verschneiten Boston. Daneben ein Brief der Rentenversicherung, die sich bei Peter artig für die Beiträge aus seinem Studentenjob bedankte. Peter blieb der Heimat treu, wohnte bei den Eltern im Souterrain und fing als Syndikus-Anwalt in der Ventilfarik an. Hier hörte Peter erstmals vom anwaltlichen Versorgungswerk – einer Trutzburg, in der er seine Rentenansprüche ungestört mehren konnte. Nach etwas Murren unterschrieb der Senior-Chef die Freistellungsklausel. Dafür musste Peter aber dessen Tochter ausführen. Das sollte für beide Seiten gewinnbringend sein. Der Chef hatte seine Tochter an den Mann gebracht und Peter konnte im Souterrain des Elternhauses sein Kanzleischild anbringen.

Sein Bruder Paul stieg bei einer britischen Großkanzlei in Frankfurt ein. Die Rentenbefreiung war überhaupt kein Thema. Schließlich verspürte niemand bei der Rentenversicherung große Lust, englische Arbeitsverträge zu prüfen. Also meldete Paul gleich noch alle indischen Paralegals der Kanzlei bei der Altersversorgung an – „Bangalore klingt doch für die wie Bornheim und bei Hyderabad denken die an den Aldi-Prospekt“, spottete er gegenüber seinem Bruder, der sich entsetzt von ihm abwandte.

Schnell machte Paul Karriere und wechselte zu einer US-Kanzlei. In seinem Arbeitsvertrag ließ er sich eine erneute Befreiung festschreiben. Und so zogen die Jahre ins Land: Zu Hause im Souterrain heftete Peter die Belege des Versorgungswerks fein und säuberlich ab. Der Ventilfabrik ging es wirtschaftlich schlecht. Ein Investor aus Katar kaufte sie auf und überprüfte alle Arbeitsverträge. Bei Peters Freistellungklausel drückten sie wohlwollend beide Augen zu, bei jüngeren Syndizi nicht. Für sie war die Rückkehr in das gesetzliche Rentensystem ein Sturz ins Bodenlose: Drei Kollegen kündigten und zogen als juristische Tagelöhner in das immer noch große, laute Frankfurt.

Dort musste Paul den Rauswurf aus der US-Kanzlei verdauen. 20 Jahre lang interessierte sich niemand für seine Rentenansprüche. Doch nun hatte das Management ein Exempel statuiert und der Rentenversicherung eine lückenlose Aufklärung zugesagt. Wenn die Rentenversicherung ihre Außenstände mal wieder per Mahnbescheid einforderte, wanderten die Einschreiben ungelesen ins Kaminfeuer.

Als das Bundessozialgericht dann im April 2014 alle angestellten Anwälte verpflichtete, in die Gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen, stand Syndikus-Anwalt Peter im Souterrain vor einer Wand voller Aktenordner: Abertausende Dokumente, mit denen er jeden Cent rechtfertigen konnte. Von dem Urteil bekam sein Bruder Paul nichts mit. Bei Fisch und Weißwein saß er mit einem Headhunter zusammen. Vor ihm lag ein erstklassiges Angebot einer russischen Kanzlei – da konnte er nochmal richtig mit seinen krummen Touren abkassieren! Die Verhandlungen mit den Ivans liefen reibungslos, bis die Sprache auf die Rentenbefreiung kam.

Bis zur endgültigen Rechtskraft des BSG-Urteils könne die Kanzlei leider keine Freigabeklausel unterzeichen, warb sein Verhandlungspartner um Verständnis: „Wegen den Farbenblinden in Kassel müssen sie leider ein paar Monate in die gesetzliche Rente einzahlen, das ist ja jetzt überall so“, scherzte der Headhunter. Der Petersfisch blieb Paul im Hals stecken. Er wusste, die fetten Jahre waren vorbei.

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