CLOSING 06/14

Der Letzte seiner Art

von Marcus Jung

Der Letzte seiner Art„Nichts, nur leere Hochhäuser“, dachte ich laut zu mir, als ich mit meinem Rennrad die breite Ausfallstraße im Stadtzentrum passierte. Die hochsensible Spracherkennung meiner Datenbrille reagierte prompt. Vor meinem rechten Auge rauschten Datensätze über die Eigentümer der Immobilien und die Namen der letzten Mieter – Kanzleien, Notare, Wirtschaftsprüfer – vorbei. Zeitgleich setzten die ersten Takten Bob Dylans ,The Times they are a-changin‘ ein.

Vor knapp einem Jahr hatte die Regierung ihr beispielhaftes Investitionsprogramm ‚Data2018‘ zum Ausbau der digitalen Infrastruktur abgeschlossen. Niemand fantasierte mehr vom Internet der Dinge – es war einfach über Nacht da. Damals hatte mein Chefredakteur eindringlich vor den Auswirkungen auf die Anwaltsbranche gewarnt: „Das Beratungsgeschäft ist tot, jede Frage und jede Lösung ist für den Kunden nur noch einen Mausklick entfernt.“ Innerhalb weniger Monate kollabierte der Markt.

„Come writers and critics who prophesize with your pen …“, sang Dylan. Auch wir Journalisten mussten uns die Themen mühsam zusammensuchen. Heute war ich mit dem letzten aktiven Anwalt der Stadt verabredet, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Wie hatte er den Sprung vom analogen Geschäft zur Beratung 4.0 gemeistert? Die Kanzlei war in einem datenunauffälligen Haus, von dem Metallschild an der Tür konnte ich per Datenbrille lediglich das Datum seiner Zulassung ablesen.

„… keep your eyes wide, the chance won’t come again …“ – eine Sekretärin öffnete die Tür. Ohne Datenbrille!!! „Wer sind Sie und zu wem wollen Sie?“ Nach Monaten voller nonverbaler Übereinkünfte unter Datenbrillenträgern war ich baff. Dann wurde mir klar, dass sie keinerlei Rückschlüsse über meine Algorithmen und Profile in sozialen Netzwerken ziehen konnte. Die Überraschung hielt in der Kanzlei an. Zwanzig telefonierende Rechtsanwaltsgehilfinnen, dazu Handakten [SIC] und ein Fax-Gerät [SIC] in Aktion.

Der Anwalt saß vor einer Schrankwand voller NJW-Jahrgänge. Ich erkannte die gebundenen Zeitschriften sofort. Bis vor einem Jahr gehörten sie zum Grundinventar jeder Kanzlei. Doch nach dem Zusammenbruch der Anwaltsbranche hatte der Verlag die Printausgaben eingestellt.

Der Anwalt bat mich höflich die Brille abzulegen und bot mir einen Kaffee an. Schwarzer Filterkaffee aus einer Tasse, die stumm blieb. Seit Monaten bombardierten mich die Kaffeebecher in der Redaktion mit personalisierter Werbung, sobald ich sie in die Hand nahm.

„Wie können Sie so arbeiten? So analog“, fragte ich den Letzten seiner Art. „Hatten Sie früher einen Walkman?“, eröffnete er mit einer Gegenfrage. Tief in meinem Kopf entstanden Assoziationsketten: Musikkassetten, Klassenfahrt nach Baltrum, erste Liebe und Dylan.

„Sehen Sie, meinen Mandanten geht es wie Ihnen“, fuhr der Mann fort, „sie vertrauen auf eine Technik, aber wissen nicht, wo die Bedienungsanleitung liegt. Heute haben Sie ein kompliziertes und auf Ihr Unternehmen perfekt abgestimmtes SPA schneller aus verschiedenen Liberaries runtergeladen, als das Album Ihrer Lieblingsband.“ Er sprach von der Angst der Menschen. Von dem Vertrauensverlust, weitreichende unternehmerische Entscheidungen einem Algorithmus anzuvertrauen, den heutzutage jeder 13-Jährige mit Programmierkenntnissen generieren konnte.

Das Internet der Dinge habe in den Großkonzernen eine neue CEO-Generation aus Technikvorständen und Ex-Community- Managern herausgebildet. Aber im Mittelstand rege sich ernsthafter Widerstand. Zwar wolle keiner auf die neuen Industrieprodukte 4.0 verzichten. Aber die Unternehmerfamilien brauchten als Berater ein Gesicht. Nicht einen eierschalfarbene Maschine mit Touchscreen. „Weil alle Kollegen aufgesteckt haben, bin ich jetzt gleichzeitig Berater, Kammerpräsident und Ombudsmann in meinen eigenen Haftungsfällen“, so der Anwalt. Dann sprachen wir über Golfplatzrunden, Nachmittage auf dem Tennisplatz und Segeltörns mit Mandanten – für mich war es ein Ausflug in eine längst vergangene, analoge Zeit.

Nach einer Stunde stand ich wieder vor der Kanzlei. Mit dem Artikel würde ich nicht den ,Digitalen Vogel-Preis‘ gewinnen, das war mir klar.

„… the slow one now will later be fast. As the present now will later be past …“, sang Dylan aus der Datenbrille heraus. Nach Monaten im Tag-und-Nacht-Dauerbetrieb schaltete ich sie aus. Heute Abend würde ich auf dem Speicher nach meinem Walkman suchen.

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