CLOSING 09/14

Sounding

von Ulrike Barth

Spotify macht jetzt auch Business-Anwendungen. Ihren ersten Härtetest hatte die neue Software bei der Anwaltskanzlei Clifford Chance, die bei ihrer Managing-Partner-Wahl kürzlich neue und vor allem effiziente Wege beschreiten wollte. Ein Testbericht.

 

Sounding„Willkommen bei Bossify, hier kannst du in drei einfachen Schritten dein neues Management wählen. Bitte lege jetzt das Handgelenk mit dem eingepflanzten Barcode zur Personality-Erfassung auf das Touchpad“.

Ein leichtes Surren und der Bildschirm wird hell. Keine lästige Eingabe von Passwörtern mehr, die man sich eh nie merken kann. Ein klares Plus für das neue System!

„Willkommen Nummer 307. Du hast das letzte Mal Dietzel gewählt, willst du heute auch Dietzel wählen?“

Nummer 307? Für dich immer noch Bernhard-Viktor!

„Lieber Bernhard-Viktor, gerne personalisiere ich deinen Wahlvorgang …“

Hatte ich das jetzt laut gesagt …???

„… auf deinen Wunsch werden ab jetzt alle deine Antworten direkt mit deinem Facebook-Account verknüpft.“

NEEEEEEEIIIINNN!

„Ich habe „jein“ verstanden. Möchtest du jetzt „Jein“ von Fettes Brot hören?“

NEIN!

„Ich habe „fein“ verstanden und wechsle in den Musik-Modus. Du hörst jetzt „Jein“ von Fettes Brot in der Dauer-Repeat-Schleife. Zum Fortsetzten des Wahlvorgangs bestätige bitte mit „Enter“.

Himmel, das fängt ja gut an. Aber ein bisschen Musik schadet nichts. Die schnelle Resonanz des Systems und das problemlose Umschalten zwischen Musik- und Wahlmodus ist auf jeden Fall ein Plus. Die Audiosteuerung lässt noch zu wünschen übrig.

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, willkommen zurück im Wahlmodus. Du hast das letztes Mal Dietzel gewählt. Wenn dir Dietzel gefällt, gefällt dir vielleicht auch Dieners?“

Noch besser würde mir Stengel gefallen, aber wer bin ich, die Allmacht der Algorithmen infrage zu stellen? Aber bevor ich mich für Dietzel entscheide, schaue ich doch lieber mal, wer noch so im Angebot ist. Ich tippe erst mal N-E-I-N.

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, ich habe deine Antwort nicht verstanden. Wenn dir Dietzel gefällt, gefällt dir dann vielleicht auch Dieners?“

„Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein“ wummert der Lautsprecher. Stand nicht in der Anleitung, das Antworten sei grundsätzlich in allen zwölf Weltsprachen möglich? Klares Manko der neuen Software, dass sie nicht richtig Deutsch versteht. Sei’s drum, dann eben wie gehabt. Ich tippe ein beherztes „NO“ in die Tastatur.

„Number 307, Bernhard-Viktor, I didn’t catch the word. Please try again. If you like Dietzel, you may also like Dieners?“

NO!

„Sure?“

YES!

„Number 307, Bernhard-Viktor, please note that your‘re still on Facebook-Online-Mode. Your dislike will be postetd directly to Mr. Dieners Facebook-Timeline and all of your partners. Are you sure you want to continue?“

NEEEIIIIN!

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, ich habe „nein“ verstanden. Deine Ablehnung von Dieners als Managing- Partner wurde im System vermerkt.“

Verdammte Audiosteuerung! „Es steigen einem die Tränen in die Augen, wenn man sieht, was mit mir passiert und was mit mir geschieht“, singen Fettes Brot. Löschen ist nicht vor gesehen…

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, Deine Ablehnung von Dieners als Managing- Partner wurde in deiner Facebook-Timeline gepostet.“

Verdammt, wo kann man hier den Vorgang abbrechen. Löschen. DELETE!!!

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, du magst Dietzel. Leider steht Dietzel nicht zur Wahl. Wenn dir Dietzel gefällt, gefällt dir dann vielleicht auch Dieners?“

„Jein“, knarzt es aus dem Lautsprecher.

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, gefällt dir vielleicht auch Dieners?“

Ja. Dieners gefällt mir gut. Dieners gefällt mir sehr, sehr gut. Ich finde, nur Dieners sollte Managing-Partner werden. NUR ER ALLEIN UND SONST NIEMAND!!!!

„Nummer 307, Bernhard-Viktor, deine Ablehnung von Matthew Layton als alleinigem Managing-Partner von Clifford Chance wurde im System vermerkt. Dein Zugang wird in drei Sekunden gesperrt. Sounding completed.“

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