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Die Angst des Junganwalts vor dem Zehn-Meter-Turm

von Marcus Jung

 

Die Angst des Junganwalts vor dem Zehn-Meter-TurmAls Nachrichtenredakteur mache ich regelmäßig einen Headhunter besoffen, der über den Klatsch und Tratsch aus Düsseldorf bestens Bescheid weiß. Anfang des Jahres ließ er nach der zweiten Flasche Montepulciano die Bombe platzen. „Bei der deutschen Großbutze die Allee runter machen sechs Senior Associates ihr eigenes Ding. Alles Top-Performer.“ DAS waren mal Neuigkeiten – schließlich hatte die Kanzlei erst die alte Partnerriege an die frische Luft gesetzt und dann jeden Anwalt zum Partner gemacht, der seinen Mont Blanc-Füller gerade halten konnte. Der Kopf hinter dem Spin-off sei ein gewisser Mayer oder Müller. Die Gruppe nannte sich selbst „das Ratpack von der Kö“. „Und haben die auch einen Sammie Davies Jr.?“, lallte ich beim Herausgehen. „Ne, dieser Mayer-Müller-Dingens ist ein begnadeter Sänger und gibt auf jeder Betriebsfeier den Frank Sinatra“, rief der Headhunter zum Abschied und kippte rücklinks ins Taxi.

Am nächsten Morgen rief ich Mayer-Müller an und konfrontierte ihn mit den Infos. Der junge Herr legte geschockt auf. Fünf Minuten später klingelte das Telefon wieder. Nein, noch sei nichts in trockenen Tüchern. Nein, es habe noch keiner gekündigt. Zwischen den Sätzen hörte ich das hektische Paffen an seiner Zigarette. Die Gründe? Ehrgeiz, Erniedrigung, Enttäuschung – jeder der Kandidaten hatte sein Motiv. „Und Sie?“, wollte ich von Mayer-Müller wissen. „Mein Chef hasst Sinatra.“ Wir vereinbarten Stillschweigen. Die Zusicherung einer Exklusivnachricht reichte mir für den Moment.

Zwei Monate zogen ins Land. Dann lief Mayer-Müller mir auf einer Kanzleiveranstaltung in die Arme. „Und, was macht Sinatras Rache?“, schrie ich gegen den Lärm von 200 aufgeregten Anwälten an. Der Associate strahlte. „Wie haben da einen super-super Senior Partner an der Hand.“ Der wolle der jungen Truppe mit seinen Kontakten in die Großindustrie beim Start helfen. „Und, schon einen Namen gefunden?“ Eine Werbeagentur aus Oberbilk sitze bereits an der Kreation eines Kunstnamens, „inklusive Corporate Idenity und Farbe nur 30.000 Euro“, freute sich Mayer-Müller. „Wer so viel Geld rausbläst, hat doch schon gekündigt?“, bohrte ich nach. „The best is yet to come“, säuselte der Sinatra-Imitator und war in der Menge verschwunden.

Die Zeit verging. Aus Frühling wurde Sommer und immer noch kein Spin-off auf der Kö in Sicht. Dann eine knappe Mail von Mayer-Müller, geschrieben samstags um 23.34 Uhr. „Habe Sie nicht vergessen. Deal mit Senior Partner abgeblasen. Streit mit Werbeagentur. Müssen uns auch noch auf Namen und Farben der Couch im Eingangsbereich einigen. Wann erscheint Ihr Handbuch? Planen Sie uns ein! Beste Grüße MM.“ Keine Silbe von einer Kündigung. Dabei hatte ich den Wechsel redaktionsintern schon als Spin-off des Jahres angepriesen.

In den kommenden Wochen versuchte ich alles. Anrufe bei Mayer- Müller, der sich von seiner Assistentin am Telefon verleugnen ließ. Mails, die unbeantwortet blieben. Ratlos bat ich den Managing-Partner um ein Vier-Augen-Gespräch: „Ordentlich Unruhe im Mittelbau, wie ich so höre. Gibt’s eine Abspaltung?“, fragte ich. „Sie langweilen mich“, antwortete der Kanzlei- Chef. „Im Gegenteil: Bei uns stehen die Zeichen auf Wachstum.“ Der Redaktionsschluss für das Handbuch verging, ohne dass der Mayer- Müller-Spin-off mit einer Silbe erwähnt wurde.

Dann an einem Freitag Ende November meldete sich Mayer-Müller. Es tue ihm so unendlich leid, so eine Entscheidung fälle man eben nicht überstürzt. „Sie sind doch im Freibad auch nicht direkt vom Zehn-Meter-Turm gesprungen“, warb er für mehr Geduld. Gleich morgen würden er und das Ratpack den Vertrag über 2.000 Quadratmeter Bürofläche unterschreiben. „Und die Kündigung?“, fragte ich entnervt. „Liegt am Montag 8 Uhr bei meinem Chef auf dem Tisch, Sie können ab 9 Uhr mit der Meldung raus.“

Am Montag um 9 Uhr lag tatsächlich eine Pressemitteilung auf meinem Schreibtisch. Darin verkündete das Management einer bekannten deutschen Großkanzlei, dass die Sozien am Wochenende die Aufnahme von sechs neuen Partnern zum 1. Januar 2015 beschlossen hätten. Mayer-Müllers Name war der vierte. Im Radio begann Frank Sinatra zu singen. „Start spreading the news …“

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