EDITORIAL 07/14

Eine Welt voller Widersprüche

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Volker Votsmeier

In Kanzleien gilt das Parkinsonsche Gesetz: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ Meist gibt es reichlich Arbeit – und sehr viel Zeit. Nicht nur Partner, sondern auch angestellte Anwälte sind so lange im Büro, wie es der Job erfordert. Das Problem: Für Angestellte gilt das Arbeitszeitgesetz. Das begrenzt die Wochenarbeitszeit grundsätzlich auf 48 Stunden. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Associates arbeiten laut einer Umfrage des JUVE-Karrieremagazins azur im Durchschnitt 54 Stunden. Die Diskrepanz ist jetzt auch Behörden aufgefallen, sie schicken ihre Prüfer los. Ein Dilemma für Kanzleien: Sie müssen schlimmstenfalls die Arbeitszeiten ihrer angestellten Anwälte verringern, ohne zugleich die üppigen Gehälter reduzieren zu können, oder bestenfalls den Nachweis über die tatsächlich geleisteten Stunden verändern („Der Letzte lässt das Licht an“).

Eine andere Herausforderung bleibt die Frauenförderung in Kanzleien. In den meisten Wirtschaftskanzleien ist der Frauenanteil in der Partnerschaft noch immer homöopathisch. Immerhin haben sich kürzlich mit Linklaters und Ashurst zwei Kanzleien britischer Provenienz ehrgeizige und vor allem konkrete Ziele gesetzt („Mehr Macht für Frauen“, S. 6). Von solchen Vorgaben halten mittelständische Sozietäten in Deutschland rein gar nichts – dabei hätte gerade dieser Kanzleitypus besondere Chancen im Wettbewerb um gutes Personal („Über sieben Hürden musst du geh‘n“).

Qualifizierte Juristen zieht es meist nicht in die Provinz – damit haben Weltkonzerne jenseits der Ballungszentren zu kämpfen. Doch ob die Bausparkasse Schwäbisch Hall, der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen oder der Medizintechnik-Konzern B. Braun Melsungen aus Nordhessen: Fast alle sind kreativ, um den Standortnachteil wettzumachen. Vor allem die Karriereaussichten sind oft rosiger – und für die Familie haben die Firmen oft sogar mehr zu bieten („Inhouse Outdoor“).

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Volker Votsmeier

volker.votsmeier@juve.de

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