CLOSING 03/15

Die Dacheng-isierung der Kanzleilandschaft

von Ulrike Barth

 

Die Dacheng-isierung der Kanzleilandschaft

Jetzt an jeder Straßenecke: Anwaltsberatung heiß wie Frittenfett.

Das Jahr 2075. Die Welt befindet sich ganz in der Hand der vier großen Triaden Dacheng Dentons, King & Wood Freshfields, Yingke Baker und DLA Zhong Lun. Nach dem morgendlichen Fahnenappell und dem Eid auf die post-turbo-kapitalistische Partei schaltet sich Dacheng-China-Chef Wang Li in die Telefonkonferenz mit den anderen Länderchefs.

Wang Li: So, meine Herren, wie weit sind wir denn heute mit unserem Plan, die Weltherrschaft an uns zu reißen?

Mr. Barnes: Well, wir haben mit unseren Versuchen, alle internationalen Schiedsgerichte zu unterwandern, einen guten Vorstoß in die richtige Richtung gemacht. Da, wo es uns nicht gelungen ist, eigene Leute einzuschleusen, hat die IT immerhin einen schönen Trojaner zusammengebastelt, so dass ab heute wirklich alle relevanten Infos im Rechenzentrum in Peking zusammenlaufen können.

Wang Li: Schön, schön. Wie ich unserer Tagesstatistik entnehme, steigert das die wöchentlichen Partnerentnahmen auf 20 Yen! Damit liegen wir weit vor unseren Wettbewerbern!

Herr Schulte: Hier in Frankfurt haben wir zu wenig Klopapier.

Wang Li: Wie bitte?

Schulte: KLOPAPIER, WIR HABEN HIER IN FRANKURT ZU WENIG KLOPAPIER!

Wang Li: Ich hatte Sie schon verstanden.

Schulte: Ich glaube eher nicht, dass das verstanden wurde! Das scheint mir eher ein ganz grundsätzliches Problem des interkulturellen Miteinanders zu sein …

Monsieur Marchand: Sacre Coeur, nicht schon wieder …

Schulte: Doch, schon wieder. Immer wieder, bis wir da endlich mal Konsens haben. Unsere Großväter haben ja schließlich nicht aus Jux und Dollerei den polyzentrischen Ansatz in die Vereinsordnung geschrieben.

Barnes (murmelt): Die Vereinsordnung ist doch eh für den Arsch.

Wang Li: Wie bitte?

Barnes: Ich sagte gerade: Interkulturell könnten wir da sicher noch eine Schippe drauflegen. Aber vorrangig ist doch heute sicher, das Counsel- Problem zu lösen.

Wang Li: Was machen die denn schon wieder für Probleme?

Barnes: Immer das gleiche Lied. Denen reicht die tägliche Gewinnausschüttung von 8,50 Yen nicht, die meisten wollen doch lieber Partner sein, die Arbeitswabe ist zu klein … Der Zufriedenheitswert ist derzeit unter 0,5.

Schulte: Und es ist ihnen zu kratzig.

Wang Li: Wie bitte?

Schulte: Das Klopapier. Das ist denen zu kratzig, das wollen die nicht. Die sagen, bei den Yinkes gibt es das achtlagige mit Extra-Flausch. Das ist die Generation XY, die kennt ihren Marktwert. Denen kann ich da nichts vormachen.

Marchande: Das erklärt wohl auch die Sache mit der deutschen Charge.

Schulte: Ohne ausreichende Flauschkapazität sind mir da die Hände gebunden.

Wang Li: Warum, wie? Die deutsche Charge sollte doch schon längst in den Fünf-Jahres-Plan eingearbeitet sein!

Marchande: Wir haben die Lieferung aus der Kaderschmiede in Hongkong auch schon vor einer Woche losgeschickt. Nach meiner Information liegt die seit drei Tagen im Hamburger Hafen. 15 Container, die nicht gelöscht werden können.

Wang Li: Schulte, was ist denn da los bei Ihnen, warum nehmen Sie die Counsel nicht ab?

Schulte (verzweifelt): Wir haben einfach zu wenig, viel zu wenig. Und es kratzt.

Wang Li: Schulte, das hatten wir doch alles schon mal, sie können wegen solcher Nebensächlichkeiten die Leute doch nicht tagelang in den Containern lassen.

Schulte: Warum denn nicht? Ich berufe mich hier auf das Zwischenpark-Edikt aus dem Jahr 2025. Der erweitert, wie Sie sehr wohl wissen Paragraph 1023.2 der Vereinsordnung dahingehend – und ich zitiere: „Counsel, die aus zwingenden äußeren Gründen nicht sofort in den Kanzleialltag eingegliedert werden können bzw. sich als nicht-eingliederungsgeeignet oder nicht-eingliederungswillig erweisen, können sofort retourniert werden. Sollte sich die Nicht-Eingliederungsgeeignetheit bzw. die Nicht-Eingliederungsgeneigtheit bereits vor der Einkasernierung in den Kanzleialltag erweisen, kann und darf das lokale Management die Annahme der defekten Counsel verweigern.“

Wang Li: Sie wollen Counsel retournieren, weil sie flauschiges Klopapier fordern?

Schulte: So ist es! Mit diesen Flausch-Counseln kann ich nichts anfangen Die letzten drei Lieferungen waren auch schon so. Und wie gesagt: Ich habe hier in Frankfurt eh zu wenig.

Wang Li: Klopapier?

Schulte: Genau.

Wang Li: Also das scheint mir ein Präzedenzfalls zu sein, darüber können wir hier nicht in dieser Runde entscheiden. Da muss der große Vorsitzende ran.

Alle: Ein HOCH auf den großen Vorsitzenden!

Wang Li: Na dann, schönen Tag noch, meine Herren, und gute Geschäfte.

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