CLOSING 04/15

Literaturkanon

von Marcus Jung

 

LiteraturkanonDer Frühling ist für den Menschen ein Neuanfang nach der dunklen Jahreszeit. Für die Verlagsbranche ist es im März Zeit, die Remittenden des Vorjahres einzustampfen und frische Ware unters Volk zu bringen – sei es wieder mal auf der Buchmesse in Leipzig oder auf der Lit.Cologne. Hier also einige, wenn auch zum Teil nicht mehr ganz taufrische Tipps für den E-Reader, das Hörbuch im Porsche 911 oder old school das Taschenbuch des Berufspendlers.

‚The Slap‘ des australischen Autors Christos Tsiolkas hat über die Jahre nichts von seiner Schlagfertigkeit (sic!) eingebüßt. Die Story: Mann schlägt fremdes Kind auf Gartenparty. Zeter und Mordio – die Party löst sich auf. Schlägt ein Partner einen anderen – dahingestellt, ob man das ethisch-moralisch befürwortet oder nicht – führt es nicht automatisch zur Auflösung der Gesellschaft. Aber wie bei der Gartenparty kommen verschiedene Mechanismen in Gang. Die Frage ist nur, ob Aktion und Reaktion so zeitnah erfolgen müssen, wie eben in ‚The Slap‘ geschildert. In der männerdominierten Anwaltswelt hat es jedenfalls den Anschein einer Ultima Ratio, wenn es denn zu einem oder mehreren Schlägen kommen muss. Gerade für einen Berufsstand, der sich dafür rühmt, dass Worte eigentlich die stärksten Waffen sind. Die Ohrfeige in ‚The Slap‘ führt zum Kollaps sozialer Beziehungen. Wer bei der Lektüre selbst zu viele Aggressionen aufstaut, der sollte größere Menschenansammlungen meiden – also in der Kanzlei auf Videokonferenzen ausweichen und statt dem Lift auch mal Treppen steigen. Letzteres schafft Kondition und macht den Kopf frei.

Auch der Klassiker ‚Zehn kleine Kinderlein‘ sei hier verknappt dargestellt: Aus zehn mach‘ eins – aber das Leben geht irgendwie weiter. Diese Parabel über Verlust und Neuanfang (ein Kind fällt ins Meer, ein anderes wird vom Tiger erschreckt etc.) lässt sich wunderbar auf die Anwaltswelt übertragen. Gerade den Kanzleimanagern angloamerikanischer Firmen sei die Lektüre ans Herz gelegt, nachdem Einheiten wie Sidley Austin oder Faegre Benson ihre kleinen deutschen Büros haben ausbluten lassen. Aber auch bei Restrukturierungen in der Partnerschaft, etwas wie vor Jahren bei Freshfields oder Linklaters, kann das Büchlein Mahner und Trostspender zugleich sein.

Aktuell sollte es vor allem Matthew Layton, Managing-Partner bei Clifford Chance, auf den Nachtisch gelegt werden – schließlich kommt man nicht umhin, bei den diversen Partner-Weggängen in Düsseldorf, Frankfurt und München an ebensolche ‚Zehn kleine Kinderlein‘ zu denken. Sollte man das Buch tatsächlich an einen englischsprachigen Anwaltskollegen verschenken wollen, empfiehlt sich schon aus Gründen der Political Correctness auf den Titel zu achten (,And Then There Were None‘). Ansonsten könnten dies heftige Verstimmungen nach sich ziehen – und gerade das will der Verschenker mit einem bunten, heiteren Kinderbuch doch nicht erreichen.

Viele Unternehmen leisten sich neuerdings einen Feel-Good-Manager. Das soll auch in verstaubten Anwaltsstuben für neue Gruppendynamik und die Portion Menschlichkeit sorgen, die im harten Business-Alltag verloren gegangen ist. Wer sich den Kostenfaktor für einen überbezahlten Sportstudenten in der Sozietät sparen will, dem sei der Ratgeber ‚Sorge Dich nicht – Lebe!‘ in Erinnerung gerufen. Auf 416 Seiten hat Bestsellerautor Dale Carnegie wirklich jede erdenkliche Lebenssituation abgehandelt. Und wie man einen Ausweg aus dieser findet. Beispiele gefällig: Der Drucker ist kaputt? Frag Dale. Wie teile ich dem neuen Kollegen mit, dass sein Kuchen zum Einstand miserabel war? Frag Dale. Warum kommt der Mandant mit der neuen Rahmenvereinbarung nicht klar? Genau, frag Dale. Wir können das Spiel endlos fortsetzen. Im Carnegie- Universum gibt es noch eine ganze Reihe weiterer toller Ratgeber, durch deren wirtschaftliche Erfolge der Autor sich mittlerweile schon lange hätte zur Ruhe hätte setzen können. Bei der Lektüre wird der Leser merken, dass viele Konzepte auf Selbst- und Fremdwahrnehmung und Autosuggestion beruhen. Alles Dinge, die sich wunderbar in Mandantenakquise und Pitchsituationen umsetzen lassen. Sich durch die 416 Seiten zu arbeiten, kommt laut Einträgen in Internetforen der Vorbereitung auf ein drittes juristisches Staatsexamen gleich. Und was hat der Jurist mehr verinnerlicht als das Leitbild des lebenlangen Lernens? Nach dem Lesen landet das Epos dann im Bücherregal neben anderen literarischen Perlen wie ‚Die Atkins Diät‘ und ‚Wie werde ich Nichtraucher?‘. Kleiner Exkurs für technisch Versierte, also Kenner der sogenannten ,Neuen Medien‘: Wem ‚Sorge Dich nicht – Lebe!‘ in seinem Lebensalltag nicht weiterhilft, der sollte 4:30 Minuten Lebenszeit in ein Video der Gruppe Deichkind investieren: ,Leider Geil‘ – da bleiben keine Fragen für das nächste Praxisgruppentreffen offen …

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