CLOSING 08/15

Moderne Märchen

Moderne Märchenvon Ulrike Barth

 

Es war einmal ein Kanzleigründer, der hatte eine schöne Tochter. Alle lobten ihre Anmut und Eleganz, aber auch ihren Fleiß. Kaum eine ihrer Konkurrentinnen reichte an ihren Arbeitseifer heran. Doch der Kanzleipapa war gierig und wollte seine schöne Tochter mit dem meistbietenden König verheiraten. Um die Aufmerksamkeit eines Königs zu erhaschen, behauptete er, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen.

Und tatsächlich: Ein König aus einem fremden Land hörte von der goldenen Maid und ließ die Tochter zu sich kommen. Doch der König war auch ein kluger Mann und wollte nicht die Katze im Sack kaufen. Deshalb beschloss er, die Tochter auf die Probe zu stellen. Über Nacht sollte sie eine ganze Kammer voller Stroh spinnen.

Die Tochter des Kanzleigründers aber kannte die Nummer schon, waren doch viele ihrer früheren Spielkameradinnen in ähnlichen Beziehungen gelandet. So wusste sie sich wohl zu helfen. „Brauche Goldspulen, ca. 6 Tonnen, morgen früh 6 a.m.“, textete sie flux per SMS an das Rumpelstilzchen. Das Männchen war als Kreativkopf mit magischen Verbindungen bekannt im ganzen Land.

Doch oh Graus! „Goldspulen-Lieferstau, sorry“, schrieb das Rumpelstilzchen asap zurück. „Im Angebot: Goldesel, aber nur in Kombi mit Knüppel-aus-dem-Sack“. „Was soll’s,“ dachte sich die schöne Tochter. „Gold ist Gold, wird schon gutgehen.“ Dem Rumpelstilzchen musste sie dafür lediglich ein paar Bedienstete aus dem väterlichen Haushalt zu Frondiensten abstellen. „Fair enough“, dachte sich die Königin in spe und schlug ein.

So füllte sie eine ganze Kammer voll Gold und der König hielt sein Versprechen und heiratete sie. Aber auch der König war ein gieriger Mann. Zuerst wollte er jeden Monat eine Kammer Gold von seiner Frau, dann jede Woche, dann sollten es drei Kammern pro Woche sein. „Kein Problem“, dachte sich die schöne Königin und bestellte noch eine Fuhre Goldesel.

Doch was sie nicht bedacht hatte: Eselgold riecht ganz schön streng nach Tier und – wie soll mal sagen – da wo es herkommt, herrschen auch nicht gerade die hygienischsten Zustände. „Drecksarbeit“, zischten daher schon bald die 777 Zwerge, die für die Goldaufbereitung abgestellt waren und Münze für Münze auf Hochglanz polierten. Auch dass sie nun täglich vom Knüppel-aus-dem-Sack verdroschen wurden, wenn sie ein Päuschen einlegen wollten, kam in der Zwergenschar nur mittelgut an. Schon bald fiel auch dem König der strenge Geruch und die miese Stimmung im eigenen Haus auf.

„Rumpel, alter Kumpel“, textete er an den bekannten Spin-Doctor. „Hab hier ein Problem mit der Arbeitsmoral. Ideen?“ Und Rumpelstilzchen wäre nicht das cleverste Beraterlein im ganzen Königreich, wenn er nicht auch für diese Situation den passenden Lateral in petto gehabt hätte. „Ich hab da einen Wolf. Große Ohren. Große Augen. Großes Maul. Das ist genau dein Mann!“

Also engagierte der König den großen bösen Wolf und der verbreitete so viel Angst und Schrecken im Königreich, dass die Zwerge sogar noch fleißiger Gold putzten, ohne je wieder zu murren. Das Königreich erstrahlte im neuen Glanz und alle lebten einigermaßen glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

(Bis auf die gute Fee, die dem Wolf einreden wollte, dass Work- Life-Balance eine super Sache sei. Die hat er mit einem Happs gefressen.)

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