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Die Aktenordnung schlägt zurück

von Ulrike Barth

Die Aktenordnung schlägt zurückDie Welt eines Staatsanwalts ist dunkel und voller Schrecken. Besonders großen Schrecken können Pressemitteilungen verbreiten. Die kann man nicht nur in teuflisch schnelle Papierflieger umfunktionieren und sich damit gegenseitig im Büro abschießen. Sie können gar Inhalte enthalten, die wie ein Bumerang auf den Verfasser zurückgeschleudert werden. Wie im Fall der Ermittlungen in Sachen VW-Abgasmanipulation.

Da musste die Staatsanwaltschaft zerknirscht einräumen, dass sie die Medienmeute ganz umsonst wild gemacht hatte, als sie am 28. September verkündete, ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen VWKonzernchef Martin Winterkorn eingeleitet zu haben.

Ups. Stimmt nämlich alles gar nicht. Also zumindest noch nicht. Gegen Winterkorn liegt zwar eine Anzeige vor, der Anfangsverdacht wird aber noch geprüft, erklärten die Staatsanwälte, nachdem sie wohl vom Justizministerium ob der Falschmeldung gerüffelt worden waren.

Jetzt gehört es zur hohen Kunst einer ausgefeilten Pressestrategie mit solchen Fehlern umzugehen. Zunächst einmal muss das Corpus delicti, die falsche Pressemitteilung, spurlos verschwinden. Geschickter Weise sollte man die nächste Pressemitteilung möglichst ungewiss formulieren, auf der eigene Webseite verstecken und auf gar keine Fall an die Redaktionen schicken, die man vorher auf die falsche Fährte gesetzt hat. Hilft das alles nichts, kann man sich dann immer noch ein paar Tage später für die „Irritationen“ um Meldung eins entschuldigen.

Wichtig ist auf jeden Fall eine einleuchtende Erklärung. „Die Aktenordnung unterscheidet aber nicht zwischen einem so eingetragenen Ermittlungsverfahren, einem sogenannten Vorermittlungsverfahren, und dem nach Bejahung eines Anfangsverdachts eingeleiteten formellen Ermittlungsverfahren gegen eine bestimmte Person“, heißt es in der Stellungnahme der Staatsanwaltschaft. Sie denken jetzt vielleicht: Was für eine müde Ausrede ist das denn?

Will sich die Staatsanwaltschaft hier auf einen verfahrenstechnisch- formalen Lapsus herausreden? Mitnichten. Hinter den spröden Worten steckt wahrscheinliche eine hässliche Geschichte voller Trug und Missgunst.

Ich stelle mir einen düsteren Raum, am Ende eines noch düsteren Ganges vor. Dort sitzt ein junger Staatsanwalt, doch er ist nicht alleine. Jeden Tag lauert im Zwielicht die hässliche Fratze der Aktenordnung. Ein numerisches, ungeliebtes Ungetüm, das nie gefragt wird, ob es mit in die Kantine kommen will. Dem von den ach-so-beschäftigten Kollegen nie ein Geburtstagslied gesungen wird. Das zur Weihnachtsfeier noch nicht einmal eingeladen ist. Schon seit einigen Jahren und VWSkandalen sitzt sie da – und wartet auf den Tag der Rache. Bis zum 28. September, als der junge Liebling der Kollegen, seine Pressemitteilung zu VW schreibt. „Js xyz, Winterkorn“ flüstert die Aktenordnung ihm ins Ohr. Der Kollege blickt nur kurz irritiert auf, vertieft sich dann aber wieder in seine Arbeit. Er hat schon vor langer Zeit aufgehört, dem ewigen Gemurre der Aktenordnung Beachtung zu schenken. Die Aktenordnung grinst und summt weiter vor sich hin „Js xyz, Winterkorn“. Diesmal, so ist sie sich sicher, wird ihr teuflischer Plan aufgehen. Anrufe vom Justizministerium, vielleicht sogar Klagen gegen die Staatsanwälte, die sie jahrelang wie das Stiefkind der Abteilung behandelt haben – alles scheint jetzt möglich.

Hätte man in Braunschweig lieber mal einen Schnaps zu viel mit der Aktenordnung getrunken. Das hätte vielleicht auch Mut gemacht, zwei, drei Tage früher bei VW vorbeizuschauen, um Beweismittel zu sichern. Aber es ist nun mal so: Die Welt des Staatsanwalts ist dunkel und voller Schrecken. Und wer weiß schon, welche Ränkeschmiede sonst noch auf den Gängen lauern.

 

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