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Das Streben der Anderen

von Ulrike Barth

Das Streben der AnderenSeit Stunden beobachtete er nun schon die Monitorwand. Zwölf Flatscreens, seine persönliche Schaltzentrale der Macht. Nicht, dass er sie gebraucht hätte, um zu wissen, was seine Leute so trieben. Ob sie fleißig waren oder lieber mit dem Kaffee in der Hand zum Fenster rausstarrten. Wer sich mit wem in der Kicker-Ecke rumtrieb. Oder was auf den Gängen getuschelt wurde.

Das alles hätte Schneider auch den täglichen Statusberichten entnehmen können. Den Login-Protokollen, Stundenzetteln und Fallzahlanalysen. Den Anzeigen der Vital-Armbänder, die wie Börsenkurse über die Monitore vor ihm flimmerten. Und den Dokumentations-Protokollen, die jeden Tastaturanschlag und jedes dahingenuschelte Wort akribisch aufzeichneten. Bei Schneider trafen die Infoschnipsel zusammen, formierten sich zu einem Gebilde. Er selbst hatte den Algorithmus mitentwickelt, der das Chaos dieser Datenwolke wieder ordnete. Am Ende stand jeder Mitarbeiter anhand seiner Daten glasklar vor ihm. Sicher, er hätte es bei den Statusanzeigen belassen können, in denen er den jungen Beamten ihren täglichen Ranking-Platz mitteilte. Bei den Red-Flag-Warnhinweisen, wenn einer von ihnen sein Tagesziel zu verfehlen drohte. Aber Schneider erledigte die Dinge gerne mit einem persönlichen Touch.

Ein kleiner Hinweis auf die Curry-Flecken auf der Krawatte, ein wohlgesetzter tiefer Blick – und der Angesprochene wusste, dass Schneider wusste, wie lang er sein Mittagspause überzogen hatte. Eine freundliche Nachfrage nach dem Befinden der Frau Gemahlin – und der Angesprochene wusste, dass Schneider wusste, dass die meisten seiner Anrufe auf das Mobiltelefon der Geliebten gingen.

Nein, er brauchte die Monitore nicht, um Minderleister und Drückeberger zu enttarnen. Das System kannte sie schon längst. Aber Schneider sah gerne die Früchte seiner Arbeit mit eigenen Augen. Das Schwitzen auf der Stirn derjenigen, die er gerade beim Tuscheln auf dem Gang erwischt hatte. Und wie sie jetzt hektisch auf die Tastatur eindroschen, um das vermeintlich Versäumte möglichst schnell wieder aufzuholen. Der nervöse Aufblick in die Monitorkamera, der sich eines abwesenden Gedankengangs schuldig bekannte und schnellstens wieder mit der Tastatur beschäftigte.

Wenn er sie so sah, hätte sich vielleicht ein Funken Mitleid regen sollen mit den jungen Leuten, die hier unter Plebb§y 3.0 schwitzten. Schließlich war es für Richter früher so viel einfacher gewesen. Man drapierte das Jackett zur Mittagszeit über den Stuhl, bevor man sich mit einer Kollegenhorde in den Biergarten trollte. Diese angeblich so geselligen Ausflüge hatte Schneider immer gehasst. Das Rumkrakelen und Aufplustern unter Starkbiereinfluss lag ihm nicht im Blut. Aber auch die stundenlangen Sitzungen, die episch-aufgeblasenen Ausführungen irgendwelcher Rechtsverdreher waren nicht sein Ding gewesen. Alles so ineffizient. Langwierige Befragungen, die nur dazu dienten, die Aktenberge zu produzieren, die ihn umlagerten. Schneiders Gesicht verzog sich bei dem Gedanken an die mit angegilbtem Papier gefüllten Amtszimmer. Den modrigen Geruch seiner ersten Berufsjahre würde er wohl nie loswerden. DATÜTDATÜT. Schneider blinzelte in das bläuliche Licht seiner Monitor-Phalanx. „Status-Update für H.C. Schneider“, schnarrte eine blecherne Stimme aus seinem Rechner. „Aktivitäts-Level: 5,0, Fokussierung: 3,7, Vital-Wert: 60:120, Ranking-Platz: 31. DATÜTDATÜT“

Erschrocken starrte Schneider in seine eigene Monitorkamera. Schnell drei Statusberichte herausgeschickt und den Erledigungs-Countdown für Zimmer drei scharfgestellt. „Team drei, Sie haben noch 5 Minuten für den Abschluss der vorliegenden Fälle. T Minus 300. 299. 298….“, schallte es aus Monitor drei. Das Tastaturgeklimper wurde dort augenblicklich lauter. Schneider atmete jetzt bewusst flach und regelmäßig, warf einen schnellen Blick auf sein Status-Update: Platz 25.

Er lächelte. Zum Glück lagen die Zeiten zwischen muffigen Aktenbergen weit hinter ihm. Er hatte schon immer lieber mit Menschen gearbeitet.

 

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