EDITORIAL 04/15

Muss denn immer was passieren?

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Christine Albert

Eines unserer größten Probleme ist die Selbstbeherrschung“, meint der US-Wissenschaftler Dan Ariely. Der Professor für Psychologie und Verhaltensökonomie ist überzeugt davon, dass sich Menschen nicht nur irrational, sondern sogar vorhersehbar irrational verhalten. Kommt Ihnen das auch bekannt vor? So weit, so menschlich. Doch es gibt Grenzen für das Verständnis, auch in Kanzleien. So soll es bei Linklaters zu einem Fall sexueller Belästigung gekommen sein. Ein Partner hat einen anderen daraufhin krankenhausreif geschlagen. Zugegeben, Linklaters reagierte schnell: Beide Partner mussten gehen, zudem richtete die Kanzlei eine externe Whistleblowing- und Beratungshotline ein (Bedingt abwehrfähig). Linklaters dürfte – rein statistisch gesehen – keine Ausnahme sein, aber anderswo werden solche Vorfälle regelmäßig unter den Teppich gekehrt. Es muss doch nicht immer erst etwas passieren?

Ähnlichen Gedanken dürfte derzeit die niedersächsische Justiz nachhängen. Der Fall des Richters Jörg L., der ins Gefängnis wandert, weil er Klausurlösungen verkauft hat, gilt derzeit als Hannovers Waterloo. Und er wirft Fragen über Sicherheitsmaßnahmen und das Selbstverständnis der niedersächsischen Justiz auf. Die hat inzwischen andere Landesjustizprüfungsämter zu ihrer Organisation befragt. Menschliches Fehlverhalten wird sie dadurch zwar nicht verhindern, aber vielleicht früher enttarnen.

Weniger blauäugig als Kanzleien und Justiz sind heutzutage Unternehmen, wenn es um die Merkwürdigkeiten menschlichen Verhaltens geht. Fast alle Großkonzerne haben mittlerweile diffizile Compliance-Systeme eingeführt. Doch einfacher haben es die Verantwortlichen dadurch nicht unbedingt. Ständig ändern sich gesetzliche Vorgaben, ständig lauert Gefahr. Das haben auch viele Software-Hersteller erkannt, und werben nun um Kunden. Welche Möglichkeiten solche Systeme den Unternehmen bieten können, lesen Sie in dem Beitrag Marke Eigenbau.

Selbstbeherrschung lässt sich trainieren. Darauf vertrauen sollte man allerdings nicht. Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Christine Albert

christine.albert@juve.de

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