CLOSING 03/16

Fortgeschritten

von Ulrike Barth

 

FortgeschrittenSind Frauen die schlechteren Partner? Gar unsoziale Wesen, die in speziellen Veranstaltungen erst einmal behutsam an den Arbeitsalltag herangeführt werden müssen? Tatsache ist, dass ihr Anteil unter den Anteile-Inhabern der Kanzleien seit Jahren stagniert. Und gleichzeitig die Zahl der „Ladies Lunches“ exponentiell zugenommen hat. Wenn da mal kein Zusammenhang besteht.

Mit Krabbencocktails gegen den Karrierefrust – diese schlichte Lösung der allgegenwärtigen Frauenfrage ist in fast allen großen Kanzleien en vogue. Wenn Frauen schon nicht die männlichen Netzwerke entern können, dann sollen sie doch ihre eigenen bilden. Das Problem: Genau das tun sie auch! Doch bei Fingerfood und Prosecco wird mitnichten darüber debattiert, wie der X-Chromosom-Mangel in der Führungsetage behoben werden kann. JUVE enthüllt erstmals in einer exklusiven und streng geheimen Umfrage, was Frauen dort wirklich besprechen.

Demnach reden über 50 Prozent der Teilnehmerinnen an Women Business Lunches vor allem über eins: Schuhe. „Haha“, wird jetzt der innere Chauvi in Ihnen grölen. „Ich hab’s doch immer schon gewusst. Die Mädels haben eben vor allem Gedöns im Kopf, statt sich auf harte Arbeit zu konzentrieren.“ Doch weit gefehlt. Denn wenn Frauen über Schuhe reden, geht es nur oberflächlich betrachtet um Farbe, Form und Marke. Hinter den ausführlichen Erörterungen zum Thema steckt vielmehr eine stark weiblich codierte und erstaunlich offene Diskussion über die Gehaltsunterschiede in der Kanzlei.

Dabei folgen die meisten Anwältinnen nicht dem von Gesellschaft und Werbung verordneten Mantra des „Besser als Schuhe sind mehr Schuhe“. Anders als die schlichter gestrickten männlichen Konkurrenten, die sich schnell von den glänzenden Budapestern der amerikanischen Konkurrenz blenden lassen, legen die Frauen eine deutlich differenzierte Kosten-Nutzen- Rechnung an.

Kann ich den Schuh sowohl zur Arbeit als auch in der Freizeit tragen? Ist das Material strapazierfähig, oder geht es beim ersten richtigen Regenguss kaputt? Und: wie viele Billables muss ich eigentlich machen, um mir die Pumps mit den roten Sohlen, die die Vorzeigepartnerin trägt, leisten zu können? Die Ergebnisse solcher Diskussionen fallen meist knallhart aus: Die Frauen der Kanzlei wissen nach so einem Ladies Lunch genau, wo sie stehen. Und in wessen Schuhen sie die nächsten acht Jahre ihrer Karriere nicht laufen wollen.

Ein weiteres Top-Thema der Frauen-Netzwerke: das Wetter. Ist es gut, ist es schlecht, wie wird es morgen werden? Interessant dabei: Fast 70 Prozent der Frauen, die länger als drei Jahre in der Kanzlei sind, schätzen die aktuelle Wetterlage schlechter ein, als sie wirklich ist. Bei den Prognosen für die kommenden Tage ist das Ergebnis noch desaströser. Über 80 Prozent erwarten eine deutlich schlechtere Lage, als der Deutsche Wetterdienst prognostiziert. Wer hier eine negative Grundeinstellung der Frauen zu allen Lebenslagen hineininterpretiert, irrt erneut. Natürlich handelt es sich auch bei diesem Thema um eine sozial codierte Stellvertreterdiskussion. Ein paar Beispiele: „Für einen Juni ist es doch eigentlich viel zu kalt“ bedeutet in Wirklichkeit: „Der M&A-Partner bringt es schon lange nicht mehr, Zeit sich nach etwas Neuem umzusehen.“

„Morgen soll es ja wieder regnen“ meint: „In der Partnerrunde wird mal wieder über den Lockstep gestritten.“ Und: „Heute Nachmittag soll es ja wieder aufklaren“ steht eigentlich für: „Ich kenne da einen guten Headhunter, den ich dir empfehlen kann.“

Für Männer sind diese Codes, selbst wenn sie auf den Veranstaltungen zugelassen wären, kaum zu knacken. Zudem halten die Frauen-Netzwerke eng zusammen und tauschen sich in der geschützten Atmosphäre wirklich über alle Interna der Kanzlei aus.

Dabei haben die Frauen in den vergangenen Jahren vor allem eines gelernt: Gelassenheit. „Man kann das Wetter halt nicht ändern“, ist ein oft gehörter Ausspruch am Ende solcher Veranstaltungen. Will heißen: „Abwarten und Tee trinken. Die Demographie arbeitet am Ende für uns.“

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